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Im Kino: „Stonewall“ von Roland Emmerich

Stonewall

Die Stonewall Riots im Juni 1969 im New Yorker Stadtteil Greenwich Village gelten heute als ein Wendepunkt in der Geschichte der LGBT-Emanzipation. Sie waren Ausdruck des Protests gegen die Repressionen der Polizei, die im Stonewall Inn, einer Mafiakneipe, in der sich die „queer community“ traf, regelmäßig Razzia machte. Das Jahrzehnt der Bürgerrechtsbewegungen in den USA bekam mit den Stonewall Riots eine weitere Dimension, und zugleich war die Community, die hier protestierte, auch Ausdruck der vielfältigen gesellschaftlichen Veränderungen: Zu den Faktoren „race“ und „class“ kam nun auch noch sexuelle Identität, wobei sich das im Village alles durchmischte. Längst ist das Teil der populären Mythologie, man denke nur an die Abstecher, die Don Draper in der Fernsehserie „Mad Men“ gelegentlich in dieses Milieu macht.
Auch das Kino hat sich mehrfach mit den Stonewall Riots beschäftigt, allerdings vorwiegend dokumentarisch. Nun kommt ausgerechnet von Roland Emmerich, dem deutschen Blockbuster-Experten in Hollywood, ein populärer Spielfilm zum Thema, dem deutlich anzusehen ist, dass er gern eine repräsentative Erzählung über die Wurzeln von „gay pride“ sein möchte. Das Drehbuch stammt von dem bekannten Dramatiker Jon Robin Baitz.
StonewallEs bedient sich einer klassischen Dramaturgie: Die Hauptfigur Danny (Jeremy Irivine) kommt direkt aus dem amerikanischen „Heartland“ nach New York. Er ist weiß, blond, und als Landei auch einigermaßen unbedarft. Mit seinen großen Augen erschließt „Stonewall“ die Welt der lokalen Subkultur, sodass die ganze Geschichte die Form einer Initiation bekommt: Hier wird jemand eingeweiht in die Geheimnisse eines freien, bunten Lebens, und wenn Danny das alles verkraftet, dann muss es wohl auch ein Publikum schaffen, das das alles aus dem sicheren Abstand von fast fünfzig Jahren betrachten kann.
Mit der Wahl dieser Hauptfigur, die so stark den Konventionen des (immer noch von „Weißen“ dominierten) Hollywoodkinos entspricht, haben Emmerich und Baitz dem Film allerdings keinen Gefallen getan. „Stonewall“ stieß in den USA auf viel Kritik vor allem wegen der vermeintlichen Zurückstufung der minoritären Figuren. Tatsächlich bekommt allenfalls Ray/Ramona (Jonny Beauchamp) das nötige Profil, um neben Danny auch noch zu einem Objekt der Identifikation werden zu können. Ein modernen Film über die Stonewall Riots hätte sicher vielstimmiger ausfallen müssen, stärker um die Komplexitäten des sozialen Lebens in dieser Umbruchsphase bemüht. Bei Emmerich ist vieles doch in erster Linie Folklore, zumal auch der Betreiber des Stonewall Inn von Ron Perlman als eine ziemliche Chargenfigur gezeichnet wird.
Doch laufen diese Vorwürfe bis zu einem gewissen Grad ins Leere. Denn „Stonewall“ ist als Herzensprojekt für Emmerich wohl auch so etwas wie ein Ausdruck seines eigenen Verhältnisses zu diesem historischen Moment: Er war damals 14 Jahre alt und lebte in der schwäbischen Provinz. Die Bilder in der Zeitung werden schwarzweiß gewesen sein. Mit „Stonewall“ malt Emmerich sich das noch einmal in Farbe aus. Danny kommt zwar aus Indiana, genauso gut könnte er aber auch aus Schwaben sein.

Text: Bert Rebhandl

Fotos: Philippe Bosse  / 2015 Warner Bros. Ent.

Orte und Zeiten: „Stonewall“ im Kino in Berlin

Stonewall, USA 2015; Regie: Roland Emmerich; ?Darsteller: Jonathan Rhys Meyers (Trevor), Ron Perlman (Ed Murphy), Jeremy Irvine (Danny Winters); 129 Minuten

Kinostart: Do, 19. November 2015

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