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Im Kino: „Summer Wars“

Kaum eine Gesellschaft legt von ihrer Tradition her so viel Wert auf Familien- zusammenhalt und Gruppenzugehörigkeit wie die japanische. Zugleich ist man im Land der aufgehenden Sonne jedoch auch besonders fortschrittsgläubig, was zwangsläufig zum Konflikt führt: Die moderne Technik- und Digitalwelt, in der die Menschen zusehends vereinzeln, lässt sich mit den Ansprüchen der Tradition kaum mehr vereinbaren.
Immerhin bietet diese Problemkonstellation aber einen guten Filmstoff: In ihrem jüngsten Anime erzählen Regisseur Mamoru Hosoda und Drehbuchautor Satoko Okudera von einer nahen Zukunft, in der sich die Menschen per Avatar durch eine bunte digitale Welt namens Oz bewegen. Neben Konsum- und Entertainmentangeboten aller Art verwaltet Oz längst auch die Dienstleistungen der Kommunen: Ohne das weltumspannende Netzwerk geht etwa bei der Feuerwehr, in der Verkehrsleitzentrale und im Krankenhaus überhaupt nichts mehr.
Aber es gibt eben auch noch die reale Welt mit ihren richtigen Menschen und deren echten Problemen: Als im Oz-Netzwerk der Killer-Avatar „Love Machine“ auftaucht, der die Accounts anderer Nutzer stiehlt und – ebenso verspielt wie ohne jede Moral – eine gewaltige Verwirrung stiftet, die ernste Konsequenzen für die Wirklichkeit hat, bedarf es der Oberschülerin Natsuki, ihres mathematisch begabten Schulfreunds Kenji sowie Natsukis großer Familie, die sich gerade anlässlich des 90. Geburtstages der Großmutter versammelt hat, um den Kampf aufzunehmen und Schlimmes zu verhindern.
Hosoda aktualisiert damit das Thema, das ihn auch schon in seinen „Digimon“-Filmen zu Beginn des Jahrtausends interessierte: Wenn die Technik außer Kontrolle gerät, müssen die Menschen wieder zusammenstehen und sich auf ihre eigenen Stärken besinnen, die individuell durchaus ganz unterschiedlich ausfallen können. Hosodas fantasievolle Komödie mit den gelegentlich ernsten Untertönen besticht dabei mit komplexer Charakterzeichnung, predigt keine Moral und ist durch und durch so unterhaltsam wie intelligent: ein großes menschliches Entertainment.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Summer Wars“ im Kino in Berlin

Summer Wars (Samв wфzu), Japan 2009; Regie: Mamoru Hosoda; 114 Minuten

Kinostart: 12. August

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