Kino & Stream

Im Kino: „Süt“

Der alte Mann auf der Wiese schreibt hochkonzentriert, die gläserne Flasche auf dem rohen Holztischlein zittert leicht, so drückt seine Bauernhand den Bleistiftstummel auf den win­zigen Papierfetzen. Der Zettel wird in einen Topf mit dampfender Milch geworfen, über dem eine junge Frau hängt, mit einem Seil an den Füßen kopfüber an einen Ast gebunden. Hustend, mit schreckgeweiteten Augen würgt sie eine Schlange hervor. Schreiben ist in der verstörenden Eröffnungsszene von „Süt“ (Milch) keine Kulturtechnik, sondern magisches Beschwörungsritual.
Magisch ist das Schreiben auch für den 20-jährigen Yusuf, der in einem kleinen Ort in der Südwesttürkei Milch ausfährt und seiner Mutter bei ihrer ärmlichen Landwirtschaft hilft. Eigentlich aber lebt er in seinen Büchern und in den Gedichten, die er unter einem Bildnis Rimbauds in seine Reiseschreibmaschine hackt. Solange sich der Film des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoglu darauf beschränkt, in ruhigen Bildern vom Zusammenleben von Mutter und Sohn zu erzählen, funktioniert er als poetische, subjektivierte Lektüre einer realen Situation, nimmt der wechselnde Rhythmus von Verdichtung und Verflachung, Tradition und Moderne den interessierten Zuschauer gefangen. Dieses fragile Gleichgewicht zerreißt schlagartig, als in der zweiten Hälfte neben der Inflation der emblematischen Bilder eine forcierte narrative Verunklärung einsetzt. Doch gerade wer die innige Nähe von Kino und Traum beschwört, muss sehr diszipliniert vorgehen.

Text: Stella Donata Haag

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Süt“ im Kino in Berlin

Süt, Türkei/Deutschland/Frankreich 2008; Regie: Semih Kaplanoglu; Darsteller: Melih Selçuk (Yusuf), Basak Koklukaya (Zehra), Riza Akin (Ali Hoca); Farbe, 103 Minuten

Kinostart: 14. Januar

Mehr über Cookies erfahren