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Im Kino: „Swans“

Swans

In „Swans“, dem zweiten Spielfilm des portugiesischen Regisseurs Hugo Vieira da Silva, ist Berlin ein Transitraum für Körper auf der Suche nach Lebendigkeit. Der Film erzählt in installativ aufgebauten Szenen Fragmente einer Geschichte, die von einem Vater (Ralph Herforth) und seinem Sohn (der professionelle Skateboarder Kai Hillebrand in seiner ersten Filmrolle) handelt. Gemeinsam sind sie aus Portugal nach Berlin geflogen. Dort liegt die Mutter in einem Krankenhaus, sie ist nach einer Chemotherapie in ein Wachkoma gefallen. Dass sie überleben wird, ist unwahrscheinlich. Bei ihren wiederkehrenden Besuchen im unwirtlichen Krankenzimmer versuchen Vater und Sohn mit dem verkrampften, bewusstlosen Körper der Mutter in Kontakt zu kommen. Sie geraten dabei zunehmend in einen somnambulen Sog, der sie von ihren eigenen Körpern entfremdet und ihre Beziehungen zueinander unbehaglicher macht.
Der Film konstruiert aus den Visiten, der befremdlichen und von Warten ausgefüllten Zeit im Apartment der Mutter und aus den Streifzügen des Sohnes in die Skateboarder-Szene Berlins ein beklemmendes Setting. Kameramann Reinhold Vorschneider hat die Stadt dafür in meist graublauen Digitalbildern als verschwimmenden Hintergrund fotografiert. Selbst in den winterlich klar konturierten Außenaufnahmen spürt man noch den pastellenen Halbschatten der Innenräume, der Vater und Sohn zunehmend gefangen zu nehmen scheint.
„Swans“ ist mit großer Langsamkeit erzählt, mit wenigen, betont unterspielten Dialogen und viel zerfallenem Schweigen. Erzählung und Ästhetik sind dabei stark an ein körperliches, apsychologisches Konzept von Kino gebunden. Sexuelle Chiffren (Onanie, Transsexualität, Nekrophilie) durchweben den Film, in dem vieles aus den enigmatischen Werken des taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-liang abgeleitet scheint. Aber auch Einflüsse des US-amerikanischen Arthousekinos finden sich, so in einer dynamischen Replik auf Gus Van Sants Skateboarder-Film „Paranoid Park“. Doch trotz zahlreicher solcher zitierenden Übernahmen aus dem Festival-Weltkino gelingt es da Silva, einen sehr eigenen Blick auf seine Figuren zu behaupten.

Text: Michael Baute

Foto: Salzgeber

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Swans“ im Kino in Berlin

Swans, Deutschland/Portugal 2010; Regie: Hugo Vieira da Silva; Darsteller: Kai Hillebrand (Manuel), Ralph Herforth (Tarso), Maria Schuster (Petra); 120 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 14. Juli

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