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Im Kino: „Taking Woodstock“

Vom Kater nach der Party, vom Hangover nach der Revolution hat er bereits erzählt. In „Der Eisturm“ zeigte Ang Lee, was aus der sexuellen Befreiung der Woodstock-Generation in der amerikanischen Provinz wurde: lustloser Ehebruch, depressive Schlüsselpartys, verklemmter Teenie-Sex. In „Der Eissturm“ waren die Farben so trüb und winterlich wie die Stimmung der melancholischen Familienmitglieder. Aus dem Aufbruch war Erstarrung geworden.
Ang Lees neuem Film „Taking Woodstock“ merkt man von der ersten Einstellung an, dass hier mit Freude eine Utopie auf der Leinwand gefeiert wird. Schon im Grün der Wiesen liegt jener sommerlich unbeschwerte und befreite Geist, der bald in das Dörfchen Bethel nicht weit von New York einziehen wird.
Das komödiantische Potenzial liegt hier in der Fallhöhe zwischen einem Generationen- und Jahrhundertkonzert, das einen Ort sucht, und einem jungen Mann, der das abgeranzte Motel seiner Eltern durch eine musikalische Veranstaltung ein wenig beleben will. Als Elliot Teichberg (Demetri Martin) aufgrund einer Zeitungsnachricht ein Grüppchen cooler, langlockiger Konzertveranstalter in sein Heimatdorf lotst, ahnt er genauso wenig wie diese, was sich auf den nahe gelegenen Kuhwiesen anbahnen wird. Zwar deuten der Hubschrauber der Organisatoren und ihre dollargefüllten Aktenkoffer bereits an, dass es hier neben Pop und Rock bereits um dessen Kommerzialisierung geht, doch herrscht am Anfang noch die Ruhe vor dem Sturm.
Und so ist „Taking Woodstock“ zunächst einmal ein Wunderwerk der Orchestrierung: von den ersten Vorboten (Nackttheatergruppen und junge Menschen, die beim Kauf der Konzertkarte in hys­terische Glücksschreie ausbrechen) über ein bereits reichlich entfesseltes Zwischenstadium (Hippiegäste, die das Motel überfluten, Sex im Gebüsch, Auseinandersetzungen mit den bornierten Nachbarn) bis zum eigentlichen Konzert (das der Held im LSD-Trip mehr oder weniger verpasst). Emblematisch ist die wunderbar rauschhaft und kitschig verfremdete Aufnahme des Konzerts als psychedelisch pulsierender Ozean von Menschen. Es ist die Bild gewordene Utopie von 68.
Für den in den USA lebenden Taiwanesen Ang Lee ist die Utopie der Rahmen, in dem er seinem großen Thema treu bleibt und ihm zugleich neue Facetten abgewinnt. Auch „Taking Woodstock“ ist eine klassische Familiengeschichte, in der es um die Schwierigkeit des Verlassens und des Verlassenwerdens geht, um jene Mischung aus Liebe und Schuldgefühlen, die den Weg in die eigene Zukunft erschwert. In „Taking
Woodstock“ ist dieser Weg für den jungen Helden zusätzlich erschwert, da Elliots Eltern jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa sind. Mit der Gestalt der Mutter (Imelda Staunton) gelingt Ang Lee eine beeindruckende Gratwanderung zwischen Komödiencharge und kulturellem Phänotypus. Die Raffgier dieser Mutter mit dem Verfolgungstrauma ihrer Geschichte zu verbinden, ohne auch nur eine Sekunde in die Nähe von Antisemitismus zu geraten – das muss man erst einmal hinbekommen.
Auch in diesem Ang-Lee-Film gibt es die Figur des alten Vaters (Henry Goodman), der mehr weiß, als man ahnt. Zum Beispiel, dass man die Menschen (etwa den schwulen Sohn und insbesondere die Schreckschraube, mit der man seit 30 Jahren verheiratet ist) so lieben muss, wie sie sind. Darin liegt nicht nur eine persönliche Lebensstrategie, das ist nicht zuletzt auch eine schöne Ergänzung der Love-and-Peace-Botschaft von Woodstock.

Text: Anke Leweke

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Taking Woodstock“ im Kino in Berlin

Taking Woodstock, USA 2009; Regie: Ang Lee; Darsteller: Demetri Martin (Elliot Teichberg), Imelda Staunton (Sonia Teichberg), Henry Goodman (Jake Teichberg); Farbe, 120 Minuten

Kinostart: 3. September

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