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Im Kino: „Test“ von Chris Mason Johnson

Test

Der junge Tänzer Frankie (Kevin Clarke) ist noch neu in der großen Stadt. Gleich in der ersten Szene stretcht er sich auf seinem Bett, unterlegt mit sphärischer Musik, fotografiert in warmen Farben. Eines der Filmsujets ist das des Stretchens: Wie weit kann man sich selbst verbiegen, ohne nicht mehr man selbst zu sein?
In der Modern Dance Group sitzt Frankie nur auf der Ersatzbank für die Aufführung von „After Dark“. Ein Tanzstück mit einer Bewegungssprache, die anonymen schwulen Sex im Dark Room bedeuten könnte. Es sei ihm ja egal, mit wem Frankie ficke, aber tanzen solle er dann doch bitte nicht wie eine Elfe, sondern wie ein Mann – sagt der Choreograf.
Leitmotivisch zieht sich neben dem Stretchen auch die Mäusejagd durch den Film: Frankie fängt mit Klebfallen Mäuse in seinem Apartment, aus Angst vor den gefährlichen Krankheitsüberträgern. Eine Parallele zur aufgeregten Panik vor Aids, die auch den in sich gekehrten Frankie ergreift: Denn sein Kumpel Walt schläft ungeschützt mit Kerlen, für Geld. Schließlich wird ihm die Tanzerei nur 30 Stunden pro Woche bezahlt. Frankie hingegen will beim Blowjob mit dem Nachbarn Bill lieber nicht in dessen Mund spritzen. Und beim Sex mit Walt, den er in der „Stud“-Disko abgeschleppt hat, zückt er, für die Zeit noch gar nicht selbstverständlich, Gummis – was beiden noch recht komisch vorkommt. Es sind eben noch die Achtziger, und man weiß noch nicht viel über diese neue Krankheit AIDS. Der Bluttest wurde gerade erst erfunden.
Walt verlässt aus Angst vor der Krankheit bald die Stadt. Man hört, dass manche nicht mehr im Schwulenviertel Castro essen oder den Messwein nicht mehr trinken. Doch dann ist eine Nachricht von Walt auf Frankies AB: Er habe sich testen lassen. HIV-positiv. Frankie wartet noch auf sein Ergebnis. Unterdessen darf er auf der großen Bühne bei „After Dark“ tanzen, weil Sergio aus der Truppe ausfällt. Man ahnt nur wieso. Frankies Nerven liegen blank: Wie wird sein Testergebnis sein?
Regisseur und Drehbuchautor Chris Mason Johnson hat einen ganz unaufgeregten, persönlichen Film über eine aufregende Zeit gedreht, über Verstellung und Angst. Vor allem über das permanente Gefühl, getestet zu werden, in jeder Hinsicht. Den Film tragen viele melancholische Szenen, aber auch witzige Momente, für die vor allem Kumpel Todd sorgt. Damit unterscheidet sich „Test“ von vielen anderen wichtigen Leidensgeschichten, die rund um das Thema Aids schon erzählt wurden. So hat „Test“, ursprünglich per Kickstarter-Crowdfunding finanziert, schon auf der Berlinale überzeugt. Prima, dass er es jetzt noch einmal auf die Leinwand schafft.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Pro Fun Media

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Test“ im Kino in Berlin

Test, USA 2013; Regie: Chris Mason Johnson; Darsteller: Scott Marlowe (Frankie), Matthew Risch (Todd), Damon K. Sperber (Dr. Corbett); 90 Minuten; FSK 12

Kinostart: 01. Mai

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