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Im Kino: „Töte mich“

Töte mich

Der Wald hat es Emily Atef angetan. Wie in „Das Fremde in mir“, ihrem Drama um eine depressive junge Mutter, entscheidet sich auch in „Töte mich“ im raumgreifenden schattigen Labyrinth des Waldes, ob die Protagonistin aus ihrem tiefen Todeswunsch herausfindet. „Töte mich“ erzählt von einem ungleichen Paar, das freiwillig-unfreiwillig auf der Flucht aneinander gekettet erscheint. Die sechzehnjährige Adele (Maria Dragus) quält sich seit dem Tod des älteren Bruders mit Schuldgefühlen, wagt jedoch nicht den Sprung vom Felsen. Als sich im Bauernhof ihrer verhärmten Eltern (Anne Bennent, Robert Hunger-Bühler) ein entlaufener Strafgefangener einnistet, hilft sie dem Verletzten unter der Bedingung, dass er, der schon einmal gemordet hat, sie zum Dank dafür töte. Timo (Roeland Wisnekker), ein Mann von verzweiflungsgeladener physischer Präsenz, nimmt den blassen durchtriebenen Teenager halb als Geisel, halb als Kumpel mit auf die Flucht. Verfolgt von der schweizerischen und französischen Polizei geht es zu Fuß Richtung Marseille, wo Timo das Geld eines Schuldners eintreiben und als blinder Passagier nach Afrika verschwinden will.
So radikal sich Adele den Fremden als Vollstrecker ausgewählt hat, lässt sich ihr fataler Wunsch nicht verwirklichen. Emily Atef und ihre Koautorin Esther Bernstorff schildern eine lange Reise, auf der die elementaren Bedürfnisse nach Nahrung, Sicherheit, Schlafplätzen die erzwungene Konfrontation zwischen den Komplizen aufzulösen beginnen. In Gesten, Blicken, wortlosen Aktionen erweist sich wechselseitig ihre Geschicklichkeit zu überleben. Mit den kleinen Siegen über die Hindernisse der Tour wächst das Gefühl brüderlich-schwesterlicher Zusammengehörigkeit.
Anstelle eines actionreichen Verfolgungsdramas konzentriert sich Emily Atef auf die visuellen Schönheiten der wechselnden Landschaften und die elementare Zweisamkeit der Flüchtenden auf dieser grandiosen Bühne. Die Episode, in der sie in Marseille bei Timos Bruder (Wolfram Koch) einbrechen, um ihre undurchsichtige Geldforderung einzutreiben, bleibt von fadem Thrill. Abgesehen von Schwächen in der Inszenierung der Nebenfiguren entfaltet „Töte mich“ eine subtile Täter-Opfer-Beziehung – ein Plädoyer gegen den suizidalen Appell des Titels.

Text: Claudia Lenssen

Foto: Thekla Ehling / NikoFilm / Farbfilm Verleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Töte mich“ im Kino in Berlin

Töte mich, Deutschland/Schweiz/Frankreich 2011; Regie: Emily Atef; Darsteller: Maria-Victoria Dragus (Adele), Roeland Wiesnekker (Timo), Wolfram Koch (Julius); 91 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 5. Juli

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