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Im Kino: „A Touch Of Sin“

A Touch of Sin

In China ist ein Goldenes Zeitalter ausgebrochen. Zumindest für die Parteifunktionäre und Privatisierungsgewinner, die zurzeit die Profite abschöpfen. Ein deutlich größerer Teil der Bevölkerung aber schlägt sich nach wie vor mit entfremdeter Arbeit durch, sei es in Kohlegruben oder als Dienstpersonal in den Luxushotels, in denen die Erfolgreichen ihr Geld verprassen. In Jia Zhangkes „A Touch of Sin“ wird diese Konstellation eines nur noch nominellen Kommunismus mehrfach augenfällig, am deutlichsten in einer Szene, in der ein Bergbauunternehmer mit seinem neuen Privatjet in die nordöstliche Heimat zurückkehrt und von den Dorfbewohnern mit Musikkapelle und bestelltem Jubel begrüßt wird, und in einer anderen, in der Magnaten sich im Hotel China Golden Age mit Mädchen aus der Provinz vergnügen, die in der Uniform der Volksbefreiungsarmee zur Fleischbeschau einmarschieren.
„Der Druck in der Gesellschaft wächst“, ist zwischendurch aus einem Radio zu vernehmen. „A Touch of Sin“ erzählt in vier lose miteinander verbundenen Episoden davon, wie sich dieser Druck entlädt: Ein Mann, der einen Beschwerdebrief nach Beijing nicht loswird, greift zum Jagdgewehr; eine Frau, die an der Rezeption einer Sauna arbeitet und mit Geldbündeln geschlagen wird, weil sie sexuelle Dienstleistungen verweigert, wird zur Martial-Arts-Heroine, wenn auch nur für ein paar Sekunden. Mit seinem Filmtitel spielt Jia Zhangke, der bedeutendste chinesische Filmemacher der Gegenwart, auf King Hus Klassiker „A Touch of Zen“ an. In der konkreten Geschichte bleibt es aber bei flüchtigen Verweisen auf diese historische Antikorruptionsgeschichte.
Zwischen der Provinz Shanxi, einem unansehnlichen Kohlerevier, in dem Jia Zhangke aufwuchs und als Filmemacher begann, und dem südlichen Guangdong verläuft der lose Handlungsfaden von „A Touch of Sin“. Als 2013 der neue chinesische Staatspräsident Xi Jinping sein Amt antrat, machte er den Kampf gegen die Korruption zu einem seiner Hauptanliegen. Insofern ist Jia Zhangkes neuer Film sogar konform mit der Regierungslinie; erzählt ist er allerdings dezidiert aus der Perspektive der vielen Modernisierungsverlierer, denen in China derzeit nur ohnmächtige Wut oder abrupte Gewalt bleibt.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Rapid Eye Movies

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „A Touch Of Sin“ im Kino in Berlin

A Touch Of Sin (Tian zhu ding), ?China/Japan 2013; Regie: Jia Zhangke; Darsteller: Jiang Wu (Dahai), ?Meng Li (Lianrong), Lanshan Luo (Xiaohui); 130 Minuten; FSK 16

Kinostart: 16. Januar

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