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Im Kino: „The Unknown Known“

The Unknown Known

Jemand, der so auf sich selbst bezogen ist wie Rumsfeld, benützt die Kamera wohl eher wie einen Spiegel und nicht wie eine Reflexionsinstanz. „Für mich liegt die Substanz des Films weniger in den Antworten, die Rumsfeld gibt, als in denen, die er nicht gibt – in seiner Art, Fragen nicht zu beantworten. Seine Unfähigkeit, irgendeine moralische Dimension in dem zu sehen, was er gemacht hat, ist eklatant. Über den Vietnamkrieg sagt er nur: Einige Sachen klappen, andere nicht. Memos zu Folterungen habe er nie gelesen. Und Obama macht für ihn dasselbe wie sie, und die Regierung Bush machte wiederum seiner Meinung nach dasselbe wie Bill Clinton. Ich würde das bezeichnen als ein tiefes Versagen, sich damit zu beschäftigen, was er getan hat, sich mit der Geschichte überhaupt auseinanderzusetzen. Darum geht es letztlich in dem Film.“
„Ahnungslos“ und „realitätsblind“ nennt Morris seinen Protagonisten. Er muss es wissen, denn er hat viele Filme über Selbsttäuschung gemacht, darunter einen über den Holocaust-Leugner Fred Leuchter („Mr. Death“): „Rumsfeld ist jenseits von all dem“, bilanziert Morris. „The Unknown Known“ ist also ein Film, der dem Zuschauer einen Protagonisten verweigert, der zur Erkenntnis gelangt. „Am Ende der viel beschworenen Heldenreise erweist sich der Held als ein Schmock“, meint Morris mit einem Grinsen.
In den Publikumsgesprächen bei der Berlinale wurde Morris dafür kritisiert, dass er nicht genügend auf Konfrontationskurs zu Rumsfeld gegangen sei, gerade wenn dieser sich widerspreche. „Die Standardtechnik wäre dann zu sagen: ‚Aber, Sir, Sie haben gerade das Gegenteil behauptet!‘ Das habe ich nicht getan. Ich kann Ihnen nicht einmal sagen, ob ich das hätte machen sollen. Ich glaube, ich habe es nicht gemacht, weil ich diesen Moment liebe – ich würde ihn den What-the-fuck-Moment nennen. Es geht um sein Versagen, sich mit den Problemen auseinanderzusetzen.“
Die Widmung von „The Unknown Known“ gilt dem im letzten Jahr verstorbenen amerikanischen Filmkritiker Roger Ebert. Solche Ehre widerfährt Journalisten selten. „Ohne ihn hätte ich keine Filmkarriere gemacht“, betont Morris. „Roger Ebert hat meinen ersten Film ‚Gates of Heaven‘ gelobt und schließlich in seine Liste der zehn besten Filme, die je gedreht wurden, aufgenommen. Der Film hatte seine Premiere beim New York Film Festival 1987. Damals streikten die Zeitungen, niemand schrieb darüber. Anderthalb Jahre später besprachen er und Gene Siskel ihn gleich in vier verschiedenen Ausgaben ihrer Fernsehsendung. Roger präsentierte den Film bestimmt ein Dutzend Mal im Kino, mindestens drei Mal war ich dabei. Jedes Mal, wenn ich einen neuen Film machte, witzelte ich, wie viel weniger er den mögen würde als ‚Gates of Heaven‘. Ich verdanke ihm enorm viel.“

Filmkritik
Ein abendfüllendes Gespräch von Errol Morris („Standard Operating Procedure“) mit dem ehemaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der maßgeblich an der Entscheidung für eine Invasion im Irak 2003 beteiligt war. Rumsfeld verteidigt und rechtfertigt die damalige Politik der Regierung, weicht dabei aber oft auch in nebulöse Formulierungen wie die vom „unbekannten Bekannten“ aus, die im Filmtitel aufgegriffen wird. So ist dieses eindrucksvolle Dokument auch ein Film über das, was nicht gesagt wird.

Text: Frank Arnold

Foto: Nubar Alexanian / NFP marketing&distribution

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „The Unknown Known“ im Kino in Berlin

The Unknown Known, USA 2013; Regie: Errol Morris; 109 Minuten; FSK 12

Kinostart: 03. Juli

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