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Im Kino: „The Unknown Known“

Donald Rumsfeld

Manche Dokumentaristen machen sich unsichtbar in ihren Filmen. Andere dagegen richten die Kamera auch auf sich selbst und fungieren als Reiseführer wie als Showmaster, etwa Michael Moore. Errol Morris beherrscht sowohl das eine als auch das andere. In seinem jüngsten Film „The Unknown Known“ lässt er Donald Rumsfeld zu Wort kommen, den Verteidigungsminister der Regierung von George W. Bush und als solcher maßgeblich verantwortlich für die Invasion des Irak 2003.
Morris kam auf Rumsfeld, als dieser 2011 seine Autobiografie veröffentlichte. Dadurch erfuhr er von den zahlreichen Memos („mehrere Zehntausend“), die dieser geschrieben hat. Was verbarg sich dahinter? Pragmatische Anweisungen? Grundsätzliche Überlegungen? Eine Selbstdarstellung für die Nachwelt? Da war mal wieder der detektivische Spürsinn von Morris geweckt. Konnte Rumsfeld einen ähnlich guten Protagonisten für ein Filmporträt abgeben wie knapp ein Jahrzehnt zuvor einer von dessen Vorgängern – Robert S. McNamara, ebenfalls ein wichtiger Architekt der US-Außenpolitik, in diesem Fall Vietnam?
„Ich habe Rumsfeld eine Kopie von meinem McNamara-Film ‚The Fog of War‘ geschickt“, bestätigt Morris im Interview. „Er sagte mir (und ich weiß nicht, ob das stimmt), er hasse den Film – was aber offenbar keine Rolle spielte für seine Entscheidung, mir zu erlauben, einen Film über ihn zu machen. Er gewährte mir auch Zugang zu seinen Memos, von denen die meisten unveröffentlicht waren. Diese Großzügigkeit war schon ziemlich ungewöhnlich. Schließlich flog ich nach Washington, verbrachte einen Nachmittag mit ihm, und dann legten wir los – elf Sitzungen, zusammen 33 Stunden, innerhalb eines Jahres, von denen die letzten drei wohl die produktivsten waren.“
Eine Abrechnung mit Rumsfeld, wie auch mit Vize-Präsident Dick Cheney und mit Bush selbst, steht immer noch aus. Morris sieht darin allerdings nicht die Aufgabe seines Films: „Ich habe diesen Film gemacht, weil ich entsetzt war über die Politik der Bush-Administration – ich wollte verstehen, was sie sich dabei gedacht hatten. Gab es irgendwelche Prinzipien, irgendeine Moral hinter ihren Entscheidungen? Ich fürchte, dass die Antwort, mit der ich am Ende dieser Unternehmung da stehe, nein lautet.“
Hat Rumsfeld ein Bewusstsein von diesem moralischen Nihilismus? „Rumsfeld ist sehr vieles schon gefragt worden, er hat ein bestimmtes Set von Antworten, auf die er zurückgreift. Für mich war es, als würde ich den Knopf bei einem Verkaufsautomaten drücken, wo ich zwischen verschiedenen Getränken und Süßigkeiten wählen kann. Diese Barriere zu durchbrechen war sehr zeitaufwendig und außerordentlich schwierig.“ Aber genau das scheint es zu sein, was Morris als Dokumentarfilmer in diesem Fall herausfordert.
Wobei gerade die Parallelen zwischen Rumsfeld und McNamara, zwei Technokraten unterschiedlichen Zuschnitts, erst die Unterschiede klarer machen. Sind es fundamentale Unterschiede oder nur graduelle? „‚Fog of War‘ ist ein Film über einen Mann, den ich mochte oder zumindest respektierte – und von dem ich bewegt wurde“, räumt Morris ein. „McNamara war ein Mann, der glaubte, dass die Welt durch Rationalität gemanagt werden konnte. Wenn man nur genau genug über ein Problem nachdachte, könnte man es lösen. Rumsfeld dagegen tut nur so, als ob. Ohne dass er es weiß, ist er eine durch und durch moderne Figur, wie aus einem Stück von Beckett oder einem Roman von Nabokov – der ahnungslose Dummkopf, der einfach so fixiert auf sich selber ist.“

Foto: NFP marketing&distribution 

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