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Im Kino: „Unsere kleine Schwester“

Im Kino:

Er war ein weicher Mensch, er wollte es immer allen recht machen“, heißt es über den verstorbenen Vater von drei japanischen Schwestern. Sie sind gekommen, um von ihm Abschied zu nehmen, er hatte sie viele Jahre davor allein gelassen, nun sind sie erwachsen, auch die Mutter ist nicht mehr da. Sachi, Yoshina und Chika leben in einem großen, verwinkelten Haus mit Garten in der Küstenstadt Kamakura, und als sie von dem Begräbnis wieder nach Hause fahren, sind sie zu viert: Ihre Halbschwester Suzu, von der sie zuvor nichts wussten, soll nun auch bei ihnen leben.
„Unsere kleine Schwester“, der neue Film des großen japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda, beginnt wie alle anderen von ihm mehr oder weniger beiläufig: Selbst der Tod löst hier kein großes Drama aus, sondern nimmt sich eher aus wie eine Falte in der Zeit, die bald wieder glatt gestrichen wird. Eine solche Weltsicht kann auch aufgesetzt wirken, doch mit „Unsere kleine Schwester“ beweist Kore-eda, dass filmisches Erzählen und Nachdenken über die grundlegenden Tatsachen der Existenz wie von selbst zusammenpassen.
„Es ist in erster Linie ein Film über das Vergehen der Zeit“, sagt Hirokazu Kore-eda während eines Gesprächs, das der tip mit ihm in Paris führen konnte. „Wir haben nur eine Möglichkeit, uns der Zeit zu vergegenwärtigen: Wir müssen auf die kleinen Veränderungen achten.“ Das ist gute Tradition im japanischen Kino, vor allem in den klassischen Filmen von Yasujiro Ozu, die dabei zusahen, wie die Moderne das Leben von Familien veränderte. Die vier Schwestern bei Kore-eda sind ganz und gar Figuren von heute, sie arbeiten auf einer Station für Palliativmedizin oder in einem Sportartikelladen, sie haben Affären und lassen sich auch mal mit Bier volllaufen. Aber sie hüten eben auch noch den Kimono der Großmutter.
Das alles geschieht in einem Haus, wie es kaum zu erfinden gewesen wäre: „Die Suche nach dieser Location war beinahe der wichtigste Teil der Vorbereitungen“, erzählt Hirokazu Kore-eda. „Es musste von dieser Verbindung von alten und neuen Zeiten erzählen. Wenn wir nicht das richtige Haus gefunden hätten, würde es den Film wohl gar nicht geben.“
Die Übersetzung des Originaltitels lautet „Umimachi Tagebuch“, der Film beruht auf einem Manga von Akimi Yoshida. Suzu ist dreizehn Jahre alt, als die Geschichte beginnt, in der es auch um ihre ersten Schritte in das Leben geht.
Der Vater ist die große abwesende und zugleich anwesende Figur im Film, man kann ihn sich aufgrund der Erzählungen ganz gut vorstellen, ein Unmensch war er sicher nicht, aber auch kein starker Familienvorstand. Er hat eine Schar von Frauen hinterlassen, die sich mit diesem „Idioten“ (wie es in einer markanten Szene heißt) ein Leben lang auseinandersetzen müssen.
Hirokazu Kore-eda sagt, dass er selbst nicht religiös in dem Sinn ist, wie es im Film mehrfach zu sehen ist: Shinto-Zeremonien bei Totenfeiern. Aber er hat selbst einen kleinen Altar zu Hause, mit dem er seiner Eltern gedenkt. „Und ich schaue auf den Film, so wie ich mir vorstellen, dass der Vater der Schwestern auf sie schaut, gleichsam aus dem Jenseits.“
Das würde erklären, woher diese Sanftheit und fast schon unerschütterliche Gelassenheit kommt, mit der hier die Schicksale geschildert werden. Tod, Trauer und Verlust ziehen sich wie eine Spur durch Kore-edas Werk, seit er 1995 mit „Das Licht der Illusion“ zum ersten Mal einen Spielfilm gemacht hat. „Ich komme ja vom Dokumentarfilm. Damals drehte ich ein Porträt eines Richters, der sich unerwartet das Leben nahm. Dadurch rückte die Witwe in den Mittelpunkt, und es wurde ein Film über Trauerarbeit, aus dem heraus ich dann meinen ersten Spielfilm entwickelt habe.“
Eine weitere Spezialität von Kore-eda ist seine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Man könnte ihn beinahe als einen Strukturalisten des Kinos betrachten, der die Verwandtschaftsverhältnisse eingehend untersucht. So ging es in „Like Father, Like Son“ um zwei Familien, deren Kinder vertauscht worden waren. Von dieser Verunsicherung ist in „Unsere kleine Schwester“ auch noch viel zu spüren, denn Suzu kommt zu ihren Schwestern wie ein Familienmitglied, das ihnen vom Schicksal untergeschoben wurde. Sie erweist sich als das größte Geschenk.
Das japanische Kino kommt im Westen vor allem in zwei Gestalten an: in Form einer grellen Popästhetik, und in Form eines kontemplativen Klassizismus. Hirokazu Kore-eda fällt in die zweite Kategorie, er ist dabei eindeutig derjenige, der sich am stärksten für die kulturellen Übergänge interessiert. „Vielleicht ist Yoshino die interessanteste Figur in meinem Film. Ihr Zimmer sehen wir nie, sie wirkt, als wäre sie nicht richtig zu Hause, und ich denke, damit ist sie sehr zeitgemäß. Das Erbe ist da, aber es ist nicht leicht, damit zu leben.“

Text: Bert Rebhandl

Foto: Pandora Filmverleih

Orte und Zeiten: Unsere kleine Schwester

Umimachi Diary (OT) Japan 2015; R: Hirokazu Kore-eda; D: Haruka Ayase (Sachi), Masami Nagasawa (Yoshino), Kaho (Chika), Suzu Hirose (Suzu); 127 Min.

Kinostart: Do, 17. Dezember 2015

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