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Im Kino: „Unter dem Regenbogen“

Die größte Sorge des Autorengespanns Agnиs Jaoui und Jean-Pierre Bacri war es stets, ihre Figuren aus der Unmündigkeit zu befreien. Zu den schönsten Momenten ihrer bisherigen Filme gehören diejenigen, in denen eine Figur für sich selbst einzustehen lernt und sich von einer Illusion oder Selbsttäuschung verabschiedet. Ihr neuer Film jedoch enthält eine Szene, in der sie die eigene Erzählhaltung auf den Prüfstand stellen. Sie handelt von einem Dilemma, das wahrscheinlich jedes Elternpaar fürchtet: Darf man einem kleinen Kind sagen, dass mit dem Tod alles vorüber und der Himmel nur ein Trugbild ist? Im Tonfall der Szene wird spürbar, welch enorme Gefühlsrohheit darin steckt. Abgeklärt wollen die beiden Mythenentzauberer in diesem Augenblick auf keinen Fall wirken. In den Verdacht, sie hätten sich eine Beißhemmung verordnet, wollen sie freilich auch nicht geraten. Tatsächlich war die Szene bei der Drehbucharbeit ein Kristallisationspunkt, wie die Regisseurin Jaoui erläutert: „Wir haben darüber lange diskutiert. Die Szene war eine echte Herausforderung, denn eines der Themen des Films ist die Frage, welche Weltsicht man weitergibt an seine Kinder. Soll man sie wirklich mit der Erkenntnis konfrontieren, dass die Welt grausam ist und es die große Liebe nicht gibt? Oder haben sie nicht doch ein Anrecht auf Illusionen?“

Es spricht für ihre erzählerische Redlichkeit, dass „Unter dem Regenbogen“ darauf keine endgültige Antwort gibt. Der Schwebezustand ist nicht die schlechteste Erzähllage für einen Film, in dem das Gespann die Frage in den Blick nimmt, was uns Märchen über das wirkliche Leben erzählen, was sie verschweigen oder verschleiern. „Uns ging es darum, sie in die Gegenwart zu übertragen“, sagt Jaoui. „Wir wollten überprüfen, ob sie noch standhalten. Dazu haben wir die vertrauten Motive zerpflückt, haben uns gefragt, wie viel Märchenhaftes in der Wirklichkeit steckt und wie viel Mythologie heutige Figuren noch vertragen. Die Geschlechterrollen haben sich in den letzten Jahrhunderten schließlich enorm gewandelt. Einer der Grundimpulse des Märchenerzählens war es ja früher, junge Mädchen davor zu bewahren, schwanger zu werden.“

So ist bei Jaoui und Bacri aus Aschenputtel ein Junge (Arthur Dupont) geworden, der dennoch seinen Schuh auf einem Ball verliert. Seine Partnerin Laure (Agathe Bonitzer) schillert zwischen den Rollenbildern Rotkäppchen und Schneewittchen; so oder so wird sie lernen, dass man dem bösen Wolf (Benjamin Biolay) nicht trauen darf und es sich nicht lohnt, nur auf einen Prinzen zu warten. Die Stiefmutter (Beatrice Rosen) mutet eher bedauernswert als böse an in ihrem verzweifelten Versuch, dem Altern mithilfe der plastischen Chirurgie Einhalt zu gebieten. Jaoui selbst hat den Part der guten Fee, die allerdings schon vollauf damit beschäftigt ist, ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Und die bewährte, vergnügliche Verdrossenheit Bacris disponiert ihn für die Rolle des Ogers.
Wie alle ihre Filme ist auch „Unter dem Regenbogen“ ein erzählerisches Mosaik. Eine Vielzahl von Geschichten kreuzt sich und findet aneinander Halt. „Es fällt uns schwer, Filme mit weniger Hauptfiguren zu schreiben“, erläutert die Regisseurin. „Unsere Vorliebe für Ensemblefilme kommt sicher von unserer Theaterarbeit her. Da hat es uns immer geärgert, wenn Schauspieler in den Kulissen auf ihren Auftritt warten müssen, deshalb haben wir unsere eigenen Stücke so angelegt, dass alle gleichzeitig auf der Bühne stehen. Hier war es auch eine Möglichkeit, alle Facetten und Archetypen unseres Themas durchzuspielen: Jede Figur fungiert als Echoraum der anderen.“ Eine listige Großzügigkeit hat sich in ihr Erzählsystem eingeschlichen, ohne dass die Autoren ihren Sarkasmus und sozialen Scharfblick aufgegeben haben. Die Kamera ist agiler, freizügiger als in Jaouis vorherigen Regiearbeiten, sie löst Erstarrungen auf. Das tröstliche Blendwerk der Märchen wird ohne Verächtlichkeit entzaubert. Ins klassische Märchenende schlägt der Film satirische Widerhaken. „Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage und betrogen sich oft“, verkündet der Abspanntitel. Jaoui und Bacri entlassen das Publikum mit der Gewissheit, dass man beides nicht unterschätzen sollte, weder das Glück noch den Betrug.

Text: Gerhard Midding

Foto: Film Kino Text

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Unter dem Regenbogen“ im Kino in Berlin

Unter dem Regenbogen (Au bout du conte?), Frankreich 2013; Regie: Agnиs Jaoui; Darsteller: Agathe Bonitzer (Laura), Agnиs Jaoui (Marianne), Arthur Dupont (Sandro); 112 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 17. Oktober

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