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Im Kino: „Vaterlandsverräter“

Vaterlandsverräter

Zu Beginn könnte man sich in einer lebensherbstlichen Pastorale wähnen: Ein alter Herr rudert über einen sommerlichen See, redet über sein Leben. Doch noch vor der Titeleinblendung gerät er in Rage, geht von der Verteidigung zum Angriff über, stellt die Legitimität des Zugriffs der „Westfilmerin“ auf die DDR-Vergangenheit infrage. Der alte Herr ist Paul Gratzik, Tischler, gefeierter Arbeiterliterat, ehemaliger Frauenheld. Und über zwanzig Jahre lang IM der Staatssicherheit. Die „Westfilmerin“ ist Annekatrin Hendel, in der DDR aufgewachsen und seit über zwanzig Jahren mit Gratzik befreundet. Sie versteht „Vaterlandsverräter“, seinem Titel zum Trotz, nicht als „Enthüllungs- oder Rechtfertigungsfilm“. Sie konfrontiert, ohne zu denunzieren oder sich gemeinzumachen. Der Film gibt Gratzik Raum und kreist ihn ein, umspielt das entworfene Bild mit Recherchen, Nachfragen und malerischen Nachstellungen. Gerade in dem biografisch begründeten Grundmodus der Akzeptanz werden dramatische Zuspitzungen möglich, ohne voyeuristisch zu wirken: wie etwa mit dem Gesicht der Operndiva, als sie nach Jahrzehnten realisiert, dass der ehemalige Geliebte ein IM war. So entsteht auch für Uneingeweihte ein plastisches Bild der DDR-Theater- und Literatenszene zwischen Idealismus und Inzest.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Salzgeber

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Vaterlandsverräter“ im Kino in Berlin

Vaterlandsverräter, Deutschland 2011; Regie: Annekatrin Hendel; 102 Minuten; FSK 0

Kinostart: 20. Oktober

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