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Im Kino: „Verführt und verlassen“

Verführt und verlassen

Wo, bitte, geht es hier zur irakischen Filmkommission? Mit einer blöderen Frage kann man sich eigentlich gar nicht einführen, wenn man beim Filmfestival von Cannes unterwegs ist, um Geld für einen Film aufzutreiben. Denn erstens hat der Irak gar keine Filmkommission, und wenn, dann würde sie sicher kein Geld hergeben für das Filmprojekt, das James Toback und Alec Baldwin ausgeheckt haben. „Der letzte Tango in Tikrit“ soll nicht nur ein Remake von Bernardo Bertoluccis Skandalklassiker „Der letzte Tango in Paris“ werden, sondern sogar zu neuen Grenzen der Sexualität aufbrechen. Und das alles in einem Land, aus dem gerade erst die amerikanische Armee abgezogen ist? (Von Isis wusste vor zwei Jahren noch niemand, jedenfalls in Cannes.)
Das klingt auf jeden Fall ein wenig nach einem Pennälerstreich, den sich der Drehbuchautor Toback („Fingers“) und der seit der Serie „30 Rock“ zu neuer Popularität und Jugendlichkeit erblühte Baldwin da ausgedacht haben. Doch dann erweist sich schnell, dass der Geist von Cannes nicht so leicht mit sich spaßen lässt. Soll heißen: Die beiden Amerikaner geraten unter den Einfluss der Magie des Kinos. Sie treffen nicht nur Bertolucci, der von seinen Rückenproblemen erzählt; sie lassen sich auch von der Frontstellung der beiden französischen Filmzeitschriften „Cahiers du Cinйma“ und „Positif“ erzählen, und unversehens sind sie in einem sehr ernsthaften Diskurs darüber gefangen, was eigentlich ein guter Film ist. Dabei wollen sie doch einen schlechten machen. Einen undenkbaren. Es blamieren sich aber weder die potenziellen Geldgeber, auch wenn die zum Teil recht arrogante Typen sind. Noch blamieren sich Toback und Baldwin selber so richtig. Denn sie werden den kritischen Impetus nicht so richtig los, der eigentlich ihren Hintergedanken bildet. Als sie schließlich mit Ryan Gosling und Diane Kruger über die Hauptrollen verhandeln, kippt die Satire endgültig in eine Form von höherem Ernst, der „Verführt und verlassen“ dann doch echt sehenswert werden lässt.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Weltkino

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Verführt und verlassen“ im Kino in Berlin

Verführt und verlassen (Seduced And Abandoned), USA 2013; ?Regie: James Toback; 98 Minuten; FSK 12

Kinostart: Do 10.07.2014

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