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Im Kino: „Vier Leben“

Vier Leben

Ein dokumentarischer Film über den Tagesablauf eines kalabrischen Ziegenhirten. Ein meditativer Film, der ganz ohne Dialoge auskommt, über Mensch und Natur, über das einfache Leben. Ein spiritueller Film. Es geht um Leben, Tod und Wiedergeburt. Auch ein komischer Film, in dem Ziegen und ein Hund ihren eigenen Willen entwickeln und damit die menschliche Ordnung durcheinander bringen. Was auf den ersten Blick so gegensätzlich klingt, das fügt Michele Frammartinos Film „Vier Leben“ ganz stimmig zusammen, gerade das macht seine besondere Qualität aus.
Die ersten Szenen zeichnen sich durch ihre nüchterne Beobachtung aus, wenn wir sehen, wie ein alter Ziegenhirte Tag für Tag seine Herde auf die Weide treibt. Aber schon wenn er vor dem Zubettgehen ein Getränk zu sich nimmt, in der Hoffnung, damit seine Krankheit bekämpfen zu können, bekommt der Film eine weitere Ebene. Denn dem ­Wasser ist Staub aus der Kirche beigemischt, den sich der Hirte dort jeden Tag abholt, im Tausch für etwas von der Milch seiner ­Ziegen.
Vier LebenSein Leben retten kann das nicht, eines Morgens liegt er tot im Bett. Doch zur selben Zeit wird auch ein Zicklein geboren, das Leben geht weiter, später wird im Wald ein Baum gefällt, aus dem ein Mast entsteht für eine Feierlichkeit im Dorf. Als die vorüber ist, wird er zerkleinert und zu Holzkohle verarbeitet. Damit begann auch der Film, ein Kreis hat sich geschlossen.
„Unbedingt!“, lautet die knappe Antwort von Regisseur Michelangelo Frammartino auf die Frage, ob er die Filme von Jacques Tati schätze. Das war nicht anders zu erwarten, denn gerade in den späteren Filmen des französischen Meisters, in „Mon Oncle“ und vor allem in „Playtime“, entsteht die Komik aus der nüchternen Beobachtung, vorzugsweise in der Totalen, die es dem Zuschauer überlässt, wohin er seinen Blick richtet. Das ist auch bei Frammartino so, wobei es hier noch überraschender ist, denn beim Thema des Films ist man nicht unbedingt auf Komik eingestellt.
„Ich komme aus einer sehr gläubigen Familie, bin es selber aber nicht“, erklärt Frammartino im Gespräch. „Das, was man nicht sehen kann, spielt die Hauptrolle im Film, der rote Faden ist die Seele, die man selber gar nicht sieht. Das ist auch meine Art und Weise, sich an die Dinge anzunähern, an die man in meiner Familie glaubt. Die humoristische Seite des Films entwickelt sich oft daraus, dass man Sachen entdeckt, die man nicht erwartet. Nicht nur bei Tati ist das Subjekt genauso wichtig wie der Mensch, auch bei Chaplin, etwa wenn er sich in einem Kaufhaus vor seinen Verfolgern versteckt, indem er sich in eine Puppe verwandelt.“
Vier LebenWas man in „Vier Leben“ etwa nur in einer Totale aus der Distanz erlebt, ist die Prozession, die angeführt wird von einigen Männern in den Uniformen römischer Soldaten. Sie wirken wie Statisten aus einem Sandalenfilm, der Gedanke an Pasolinis sarkastischen Kurzfilm „La Ricotta“ (in dem Orson Welles den Regisseur eines solchen Films spielte, der gerade die Kreuzigungsszene vorbereitete) ist nicht von der Hand zu weisen.
Das wirft die Frage auf, inwieweit der Film dokumentarisch und inwieweit er Fiktion ist. „Das ist in der Tat ein Paradox“, räumt Frammartino ein, „weil es immer einen Kampf gibt zwischen der Realität und der Kamera im Film, dem Willen, die Wirklichkeit in einer Choreografie zusammenzusetzen – das ist wie ein Tanz, wo alles perfekt sein muss. Andererseits benutze ich 200 Ziegen und einen Hund – es gibt also den ständigen Konflikt zwischen dem Willen, alles zu kontrollieren, und der Lust, die Sachen passieren zu lassen. Der Film ist das Ergebnis des unmöglichen Versuches, diese Widersprüche zu vereinen.“
Vier LebenFrammartino gibt auch zu, dass er vieles hat bauen lassen, etwa den Zaun, der das Ziegengatter zur Straße abgrenzt, auch einen Turm für die Kamera. „Es gab also jede Menge Vorbereitung, aber dann war der Hauptdarsteller dieser Szene ein Hund, von dem wir hofften, dass er das tut, was wir wollten. Als ich dem Produzenten von dieser Szene erzählte, meinte er, wir seien verrückt. Ich kann mich also freuen, dass die Produktion letztendlich den Mut hatte, auch solche Szenen zu ermöglichen.“
In der erwähnten Szene zerrt der Hund einen Stein weg, der als Bremskeil für einen Lastwagen diente, der daraufhin prompt die Straße hinunterrollt und den Zaun das Ziegengatters einreißt – die Tiere nutzen die gewonnene Freiheit und laufen sofort auf
die Straße.
Die Kamera erfasst den ganzen Vorgang aus einer Totale von hoch oben; wenn der Wagen in den Zaum rast, geschieht das außerhalb des Bildrahmens, ist nur zu hören, nicht zu sehen. Das macht die Angelegenheit weitaus komischer, als hätte sie der Regisseur durch Großaufnahmen oder Schnitte betont. Was im Film so beiläufig herüberkommt, ist erwartungsgemäß das Resultat exakter Arbeit: „Wir haben die Sequenz 22-mal gedreht, eine Woche Vorbereitung und zwei Tage Aufnahmen. Das war übrigens der letzte Nachmittag, den wir dafür zur Verfügung hatten. Ich hatte den Produzenten aus Rom am Telefon, der besorgt fragte, ob ich notfalls eine Ersatzszene hätte. Das bejahte ich – obwohl es nicht stimmte“, sagt Frammartino und lächelt.

Text: Frank Arnold

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Vier Leben“ im Kino in Berlin

Vier Leben (Le quattro volte), Italien/Deutschland/Schweiz 2010; Regie: Michelangelo Frammartino; 88 Minuten; FSK 0

Kinostart: 30. Juni

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