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Im Kino: „Villa Amalia“

Villa Amalia

Eine Frau (Isabelle Huppert) folgt einem Wagen durch eine Regennacht. Sie hält in einigem Abstand hinter ihm und beobachtet, wie der Fahrer an einer Haustür von einer Frau empfangen wird, die er leidenschaftlich küsst. Ein Anfang, der in einen Thriller, einen Krimi, ein Drama münden könnte, dessen Potenzial für eine plotorientierte Geschichte sich der französische Autorenfilmer Benoоt Jacquot aber bewusst nicht bedient.
Als Eliane Hidelstein, die sich als Pianistin den Künstlernamen Ann Hidden (hier schon die Lust an der Auflösung der eigenen Identität) gegeben hat, ihrem Freund Thomas beim Seitensprung zusieht, wird sie von einem Bekannten aus Kindheitstagen, Georges, erkannt und angesprochen. Fortan wird er der Zeuge ihres Ausstiegs aus ihren gewohnten Lebensbahnen sein. In Variation anderer Frauenfiguren Jacquots wie „La Desenchantйe“ oder „La fille seule“, die ebenfalls plötzlich einen Riss zwischen sich und ihrer Umgebung feststellen und diesen zum Anlass eines Ausbruchversuchs nehmen, kappt auch Ann konsequent alle Verbindungen, trennt sich von Thomas, verkauft ihre Wohnung, gibt ihre Musikerkarriere auf und verlässt Paris.
Als würde er im Einsatz seiner filmischen Mittel die inneren Prozesse seiner Hauptfigur nachzeichnen wollen, arbeitet der Regisseur mit einer fragmentarischen Erzählweise, deren Sprünge dem Aufbau einer inneren Logik jeglicher Art konsequent entgegen arbeiten. Momente werden nur angerissen, lose Enden nicht verknüpft, Figuren treten auf und wieder ab wie Schemen, und die Kamera Caroline Champetiers, beinahe immer in Bewegung, erlaubt ebenfalls keine falsche Identifikation mit der Hauptfigur. Nachdem Ann Europa durchquert hat, Länder, voneinander nur abgesetzt durch ihre verschiedenen Sprachen, findet sie die Villa Amalia auf einer italienischen Insel, ein abgelegenes Haus auf einem Hügel über dem Meer. Dass es sich auch hierbei womöglich nur um eine Übergangsstation handelt, kann erwartet werden bei einem Film wie diesem, der sich jeglicher Er- und Auflösungen entzieht und dadurch nur umso mehr zur komplexen Lebenswelt wird.

Text: Valerie Bäuerlein

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Villa Amalia“ im Kino in Berlin

Villa Amalia, Frankreich 2009; Regie: Benoоt Jacquot; Darsteller: Isabelle Huppert (Ann), Jean-Hugues Anglade (Georges), Xavier Beauvois (Thomas); 94 Minuten; FSK 0

Kinostart: 25. November

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