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Im Kino: „Wara no Tate – Die Gejagten“

Wara No Tate

Er ist berühmt-berüchtigt für brutal-bizarre, immer wieder das Genre sprengende Werke: Man denke an Yakuza-Krimis wie „Dead Or Alive“ oder „Visitor Q“, das schockierende Porträt einer dysfunktionalen Familie. Er hat einen ausgeprägten Sinn für das Absurde, der Samurai Izo in seinem gleichnamigen Film ist quasi eine Verkörperung davon, eine Art japanischer Sensenmann, der sinnlos Menschen massakriert. Mit überbordender Fantasie und Kreativität, ohne Furcht vor Stil- oder Tabubrüchen hat sich Takashi Miike vom experimentierfreudigen Vielfilmer zum versierten Filmkünstler entwickelt. Der dramaturgisch raffinierte Liebes-(Alptraum-)Thriller „Audition“ brachte ihm erstmals international Anerkennung ein, mit dem surrealen Gefängnis-Kammerspiel „Big Bang Love, Juvenile A“ reüssierte er als Arthouse-Regisseur. Das meisterhaft inszenierte Drama „Wara No Tate“ ist Miikes bislang reifstes und humanstes Werk. Der heute 53-Jährige fesselt die Aufmerksamkeit des geneigten Zuschauers unablässig bis zum Schluss, um ihn dann nachdenklich aus dem Kino zu entlassen. Denn der Film wirft grundsätzliche Fragen auf: über Moral und Ethik, die Natur des Menschen, den Sinn der Todesstrafe, das Wesen des Heldentums. Das Handlungsschema ist aus Krimis und Western bekannt: Ein Verbrecher soll, von Gesetzeshütern vor einem lynchwütigen Mob oder Kopfgeldjägern geschützt, einem ordentlichen Gericht zugeführt werden. Es handelt sich um einen intelligenten Triebtäter, der sich der Polizei gestellt hat, nachdem er ein siebenjähriges Mädchen bestialisch umgebracht hat. Eine fünfköpfige Polizei-Eskorte unter Führung von Leutnant Mekari soll den Psychopathen aus der Provinz zur Aburteilung nach Tokio bringen. Ein gefahrvolles Unterfangen, denn bei dem Opfer handelt es sich um die Tochter eines der reichsten Männer Japans, und der todkranke Tycoon (Yamasuki Tsutomu, unvergessen als Nudelsuppen-Gourmet Goro in Juzo Itamis „Tampopo“) bietet eine Milliarde Yen dafür, den Mörder zur Strecke zu bringen. Der Lockruf des Geldes hat verheerende Wirkung: Selbst ernannte Rächer, professionelle Gangster und geldgierige Amateure machen Jagd auf Mekaris Schützling, sogar korrupte Polizisten und Justizbeamte haben es auf ihn abgesehen.
Scharmützel im InterCity, Massenhysterie, Medienrummel, Auto-Stunts und ein mit Nitroglyzerin beladener Lkw sorgen für Action, das Misstrauen unter Mekaris Teamkollegen generiert zusätzlich Spannung. Wenigstens einer im Quintett ist ein Verräter, und die Kripofrau Shiraiwa macht aus ihrer Abscheu gegen den kaltschnäuzigen Triebtäter, den sie lieber tot als lebendig sähe, kein Hehl. Matsushima Nanako, bekannt als Hauptdarstellerin im Grusel-Thriller „The Ring“, verleiht der resoluten Polizistin ambivalente Charakterzüge. Am Ende kulminiert die einfalls- und fintenreiche Hetzjagd in typischer Miike-Manier: over the top.

Text: Ralph Umard

Foto: Warner Bros. Pictures

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Wara no tate – Die Gejagten“ im Kino in Berlin

Wara no tate – Die Gejagten (Wara no tate), Japan 2013; Regie: Takashi Miike; Darsteller:
Nanako Matsushima (Atsuko Shiraiwa), ?Tatsuya Fujiwara (Kunihide
Kiyomaru), Takao Osawa (Kazuki Mekari); 117 Minuten; FSK 16

Kinostart: Do 10.07.2014

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