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Im Kino: „Was du nicht siehst“

Was du nicht siehst

Siebzehnjährige fahren selten mit den Eltern in Urlaub. Wer kann, nabelt sich ab. Doch Anton ist noch nicht so weit. Mit dunklen Locken sitzt er verträumt im Fond der Familienkutsche und düst Richtung Bretagne. Vor ihm sitzt Mama und am Steuer Paul, der neue Mann an ihrer Seite. Auf der Fahrt häufen sich Seltsamkeiten, Anton wird auf einem Tankstellenklo begrabscht, ein Straßenarbeiter überschüttet ihn mit Hasstiraden, dann wirft die Mutter den Zigarettenanzünder aus dem fahrenden Wagen. In „Was Du nicht siehst“ lauert Unheilvolles selbst in harmlosen Zusammenhängen. Aufmerksam registriert die Kamera das Changieren von Stimmungen, verwandelt Naturimpressionen in Metaphern. In seinem Regiedebüt spielt der Österreicher Wolfgang Fischer mit Offensichtlichem und Unergründlichem, mischt Coming-of-Age mit Horror- und Psycho-Elementen, legt fast schon überpeniblen Wert auf Details und Chiffren. Sie mögen die Motivation für Aggression und abweichendes Verhalten zwar nicht neu entschlüsseln, erlauben aber doch einen fesselnden Blick auf die wachsende Verstörung Antons.
Das Feriendomizil entpuppt sich als kantig gläserner Bungalow in einem Wäldchen nahe der Klippen. Ein modernes transparentes Zuhause, das nur die privatesten Winkel vor neugierigen Blicken schützt. Im Haus nebenan jedoch lauert Verschlagenheit hinter dicken Vorhängen. David und Katja wohnen dort, ein geheimnisvolles gleichaltriges Pärchen, das Anton in seinen Bann schlägt. David, mal Grobian, mal hinterlistiger Verführer, weiß den naiven Jungen zu manipulieren.
Ludwig Trepte spielt Anton. Einmal mehr stellt der 1988 geborene Berliner sein Talent für sensible Charaktere unter Beweis. Als Autodidakt fand er zur Schauspielerei. In der Rolle seines Gegenspielers brilliert Frederik Lau, noch ein Gesicht aus Berlin, das man sich merken muss. Psychotisch wild und unberrechenbar entführt er Anton in seine Welt aus Drogen, Sex und Brutalität. Wie sich die beiden ineinander verzahnen, das ist packend und gruselig zugleich, auch wenn die Geschichte mitunter vorhersehbar ist.

Text: Cristina Moles Kaupp

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Was du nicht siehst“ im Kino in Berlin

Was du nicht siehst, Deutschland/Österreich 2009; Regie: Wolfgang Fischer; Darsteller: Ludwig Trepte (Anton), Frederick Lau (David), Alice Dwyer (Katja); 92 Minuten; FSK 12

Kinostart: 7. Juli

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