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Im Kino: „Wie der Wind sich hebt“

Wie der Wind sich hebt

Die Faszination für die Luftfahrt, eine große Begeisterung für obskure Flugzeuge und retrofuturistische Flugmaschinen ziehen sich durch das gesamte Werk des als Sohn eines Fabrikanten von Flugzeugteilen geborenen Hayao Miyazaki. Insofern verwundert es nicht, dass der 73-jährige japanische Anime-Großmeister in seinem letzten Film vor dem inzwischen angetretenen Ruhestand den Flugzeugbau in den Mittelpunkt stellt und in „Wie der Wind sich hebt“ die fiktionalisierte Lebensgeschichte des Flugzeugkonstrukteurs Jiro Horikoshi (1903-1982) erzählt.
Weil jenem aufgrund seiner Kurzsichtigkeit der kindliche Traum vom Fliegen verwehrt bleibt, entscheidet er sich für den Beruf des Flugzeugkonstrukteurs – immer wieder wird ihm im Traum sein großes Idol erscheinen, der italienische Flugmaschinenerfinder Caproni, der die Devise für den ganzen Film ausgibt: „Flugzeuge sind ein schöner Traum.“
Diesen naiven Blick seines Helden behält der Film auch bei, als Horikoshi in den 1930er-Jahren bei Mitsubishi unter anderem den sogenannten Zero Fighter entwirft, ein wendiges Kampfflugzeug, das die Luftwaffe des aggressiven kaiserlichen Japans unter anderem auch beim Angriff auf Pearl Harbor einsetzte.
Wie der Wind sich hebtDas brachte dem erklärten Pazifisten Miyazaki mittlerweile von verschiedenen Seiten eine vornehmlich ideologisch bedingte Kritik ein, die aus Horikoshis Scheuklappenhaltung auf Miyazakis eigene Ansichten schloss. Tatsächlich aber geht es dem Regisseur, der in seinen Filmen niemals simple Gut-Böse-Schemata bedient und zur Technik stets eine ambivalente Haltung entwickelt (man denke etwa an die Roboter in „Das Schloss im Himmel“, die sich einerseits als furchterregende Kampfmaschinen erweisen, andererseits aber genauso gut Gärten und Gräber pflegen können), hier um die Korrumpierung des „schönen Traums“, die der Film keineswegs ausspart: Die Begeisterung der jungen Konstrukteure für den technischen Fortschritt wird vom Staat für die eigenen Interessen schamlos ausgenutzt und führt in die kriegerische Zerstörung.
Und es ist auch nicht so, dass Horikoshi von den politischen Umständen seiner Zeit nichts mitbekommt: Als Mitglied einer Delegation erlebt er beim Besuch der Junkers-Flugzeugwerke das bereits unangenehm rassistische Deutschland, begegnet in einer „Zauberberg“-Reminiszenz dem deutschen Nazi-Verfolgten Hans Castorp und wird aufgrund dieses Kontaktes sogar von der japanischen Geheimpolizei verfolgt.
An Horikoshis unschuldigem Blick auf die Fliegerei und seinen Beruf ändern all die politischen Widrigkeiten allerdings nichts, und Miyazaki übersetzt diese Unschuld auch in das frei erfundene Privatleben seines Helden, indem er in wunderschönen Sequenzen eine herbeigewehte Liebesgeschichte mit der an Tuberkulose erkrankten Nahoko erzählt: Die vom Wind bestimmten Wege eines Papierfliegers, wegfliegende Hüte und Schirme binden die Liebenden aneinander, schließlich wird der Wind Jiro auch den nahenden Tod seiner Liebsten ankündigen. Am Ende steht noch einmal ein Traum, der die Schönheit des ?Zero Fighters Horikoshis Bedauern über die ?Kriegszerstörungen entgegensetzt: eine vielleicht provokante Ambivalenz, die dennoch ?Miyazakis Werk treffend zusammenfasst. Alles ist komplex, und alles hat immer zwei Seiten.

Text: Lars Penning

Fotos: Universum Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Wie der Wind sich hebt“ im Kino in Berlin

Wie der Wind sich hebt (Kaze tachinu), Japan 2013, 126 min, Regie: Hayao Miyazaki

Kinostart: Do 17.07.2014

Der Regisseur
Hayao Miyazaki ist der bedeutendste und kommerziell erfolgreichste Animationsfilmregisseur Japans; regelmäßig spielen seine Filme dort mehr Geld ein als Hollywoods Blockbuster. Seit den 1960er-Jahren in verschiedenen Funktionen in der Animationsbranche tätig, ermöglichte der Erfolg seines postapokalyptischen Öko-Thrillers „Kaze no tani no Nausicaa“ Miyazaki 1985 die Gründung des Studios Ghibli, das er gemeinsam mit Isao Takahata leitete. Oft haben Miyazakis Filme weibliche Hauptfiguren, die sich ihren Platz in einer ihnen fremden Welt erobern; in seinem wohl persönlichsten Film „Porco Rosso“ (1992) erzählt er hingegen eine komplexe und melancholische Actionkomödie über die Probleme von Männern mittleren Alters am Beispiel eines in ein Schwein verwandelten italienischen Fliegers.

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