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Im Kino: "Wild"

Im Kino: "Wild"

Nicolette Krebitz hat von ihrem Film "Wild" zuerst geträumt. "Es war ein Traum, in dem ich verfolgt wurde, ein wiederkehrender Traum. Jemand hat mir dann empfohlen, mich einmal umzudrehen, im Traum, und irgendwann habe ich das geschafft, und stand einem Wolf gegenüber. Darüber war ich sehr überrascht." Denn mit diesem Tier, das irgendwo aus einer weit ­entfernten Märchenwelt oder aus tiefen Wäldern kommt, verband sie erst einmal nichts. Und doch wusste sie: "Das ist mein nächster Film." Das war im Jahr 2008.
Montag nach Ostern, Cafй Einstein ­Unter den Linden. Nicolette Krebitz hat sich ­einen Tisch im letzten Raum ausgesucht, in dem ­eigentlich nicht serviert wird. Ein Extrazimmer, in dem es ruhig genug ist, um sprechen zu können. Und das fällt auch als Erstes auf: Mit welcher Ruhe und Klarheit sie nach ihren Formulierungen sucht, um diesem Projekt auch den richtigen Ausdruck zu verleihen. Acht Jahre hat es gedauert,  "Wild" zu ­machen. Es ist der dritte Film, bei dem ­Krebitz, gebürtige West-Berlinerin und bekannte Schauspielerin, Regie geführt hat.
Sie erzählt von einer jungen Frau namens Ania, die in einem anonymen IT-Unternehmen in Ostdeutschland arbeitet und abends auf dem Weg nach Hause einem Wolf begegnet. Sie stehen einander kurz gegenüber, dann trollt sich das Tier in die Büsche. Ania wird diesen Blick aber nicht los und begibt sich auf die Fährte des Wolfs, bis sie ihn in ihre Wohnung gebracht hat. An ein Haustier denkt sie dabei nicht. Ania sucht ein Wesen, das ihr entspricht.
"Ich hatte Lust, den Wolf mit dem zu besetzen, was da bei mir losgeht", erklärt Nicolette Krebitz. "Mit Rotkäppchen oder dem Konkurrenten des deutschen Mannes oder wofür auch immer der Wolf stand, hatte das bei mir nichts zu tun. Ich hatte meine eigene Begegnung mit dem Wolf gehabt, die war nicht kulturgeschichtlich besetzt. Stattdessen war da eben dieses hartnäckige Bild eines leeren Truppenübungsplatzes, ein Bild von Grenzen, die im Osten aufgehen: Tiere kommen herüber, Menschen gehen weg. Ich fand schließlich heraus, womit ich da was zu tun habe: Etwas, das mich immer schon interessiert hat, nämlich, wie man als Mensch in der modernen Welt lebt, wie die Rollen verteilt sind, vor allem auch die Geschlechterrollen, und wie man nach Liebe sucht oder nach einem Sein."
In der Lausitz waren damals die ersten Wölfe in Deutschland nach langer Zeit aufgetaucht, in der ehemaligen DDR fand Krebitz aber auch eine bestimmte Leerstelle, "weil dort ein Entwurf gescheitert ist, wie eine ­moderne Welt aussehen soll". Die reiche Deutbarkeit von "Wild" hat auch damit zu tun, dass es keineswegs nur um Sexualität geht, sondern um dieses große Ganze, das wir Kultur nennen: ein Film, sagt Krebitz, "über Sprache, über Freiheit und Unabhängigkeit, und auch über die Sinne. Es gibt nicht viele Filme, die wirklich von weiblicher Sexualität handeln, denn sobald auch ein Mann vorkommt und ihr Begehren spiegelt, wird es immer mit den Erwartungen und Bildern des Mannes zu tun haben und ist dann nicht mehr frei, entsteht nicht mehr aus sich selbst heraus. Es war aber falsch, jemals zu glauben, es würde gar nicht gehen, das wirklich von der Frauenseite zu zeigen, und dass man das nun begreift, finde ich wunderbar."
Ohne dass das Wort fällt, zeigt sich ­Nicolette Krebitz doch deutlich feministisch inspiriert, und zwar auf eine sehr moderne ­Weise. Mit ihrer Produzentin Bettina Brokemper hatte sie eindeutig so etwas wie einen Pakt, "sie hat den Film kapiert und dann da hingebracht, wo er klappen konnte. Sie hat die Originalidee beschützt." Die tolle Hauptdarstellerin Lilith Stangenberg bekam sie von Renй Pollesch empfohlen, mit dem sie befreundet ist. Stangenberg kommt eigentlich vom Theater und entdeckt gerade das Kino. In "Wild" passte sie für Krebitz vor allem deswegen, weil sie "wie von einem anderen Planeten" wirkt. "Sie bezieht sich in ihrem Spiel nie auf etwas, was es ihr leichtmacht oder was gefällt."
Für die Kamera gewann Nicolette Krebitz Reinhold Vorschneider, der vor allem für ­seine Arbeit mit Angela Schanelec bekannt ist. Gemeinsam und "mit dem Stolz der Arbeiterklasse" (Krebitz) überwanden sie die nicht geringen Herausforderungen beim Drehen eines Films, dessen "männlicher Hauptdarsteller" ein ungezähmtes Tier ist.
Als es daran ging, "Wild" zu lancieren, trafen Brokemper und Krebitz eine kluge Entscheidung: Sie entschieden sich für eine Weltpremiere in Sundance, wohin man auch erst einmal eingeladen werden muss. Die guten Reaktionen aus den USA halfen dann wohl, in Deutschland, wo Nicolette Krebitz ja auch ein Thema für die Regenbogenpresse ist, kein Missverständnis von einem "Regie-Starlet" aufkommen zu lassen.
Auch ohne die von vielen geforderte Frauen­quote Pro Quote sollte es bis zum nächsten Projekt nicht wieder acht Jahren dauern. "Ich habe gerade eine Förderung von der FFA für mein neues Drehbuch bekommen. Ich schreibe an einem Fantasy-Film, der wird ein bisschen teurer, mehr als die vier Millionen, die für Frauen üblich sind. Ich hoffe, dass das schnell geht, denn ich habe gerade Schwung."

Text: Bert Rebhandl

Foto: NFP / Christian Hüller

Orte und Zeiten: Wild

Wild D 2015, 97 Min., R: Nicolette Krebitz, D: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, Kotti Yun

Kinostart: Do, 14. April 2016

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