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Im Kino: „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Spike Jonze

Die digitalen Effekte sind in „Wo die wilden Kerle“ sparsam verwendet (im Wesentlichen zur Animation der Gesichter), umso mehr erfreut sich Jonze am Gewicht der Kostüme, an sehr realem Staub oder feuchter Erde. Jonzes schon in „Being John Malkovich“ gepflegte Lust am handgemachten Look der allerseltsamsten Dinge verstärkt jedoch nur die Wirkung seiner Wundereffekte, als würde man sie so umso vertrauensvoller als Gestalten der eigenen Fantasie annehmen. Er führt nicht an die Ränder des Universums, sondern über das, was wir kennen, in uns hinein, ohne dabei je das Eigenleben seiner Erfindungen einzuschränken.
Wie eine abgewrackte, müde gewordene Hippie-Familie wirken Jonzes Monster, wie eine manisch-depressive Sesamstraßen-Kommune, die jahrelang sich selbst überlassen war und nun kaum mehr aus ihren eingeschliffenen Konflikten herausfinden kann – bis Max erscheint, in dem sie ja eigentlich wohnen. Jonze hat sich für den Tonfall ihrer Dialoge von John Cassavetes’ Beziehungsfilmen inspirieren lassen und in einer ersten Etappe den Film nur für die Tonspur in einer zweiwöchigen Tour de Force mit realen Akteuren gedreht. Die Original-Stimmen gehören dem „Sopranos“-Star James Gandolfini, Lauren Ambrose, Chris Cooper und Forrest Whitaker, die sich die wunderlichsten Dialoge mit allergrößter Gelassenheit zuwerfen. Erst nach diesem Dreh hat Jonze eine zweite Equipe von „Suit Actors“ in Australien in die mächtigen Kostüme gesteckt und mit seinem Kinderdarsteller Max Records durch die Wälder geschickt.
Die schwierige Produktionsgeschichte (siehe Interview mit Spike Jonze) hat Jonze dazu gebracht, nach Ende der Arbeit an „Wo die wilden Kerle wohnen“ zur Entspannung erst einmal kleinere Formate zu suchen, ohne das Universum der Fabeltiere ganz zu verlassen. In nur zwei Tagen hat er in einem Nachtclub mit dem für seine öffentlichen Ausfälle notorischen Sänger Kayne West einen selbst finanzierten, strikt für Erwachsene gedachten 14-minütigen Kurzfilm gedreht.
Schon im Titel kündet er von einer gewissen Nähe zum größeren Sendak-Projekt: „We Were Once a Fairytale“ zeigt West, wie er in einen zunehmend besinnungslosen, virtuos inszenierten Rausch abdriftet, bis er sich auf der Herrentoilette ein kleines Tier aus seinem stoffgefüllten Leib schneidet. Doch erst, als sein pelziges Double auch zum Harakiri ansetzt, bekommt man es tatsächlich mit der Angst zu tun. Die Wild Things, die in uns wohnen, ob groß oder klein, sollte man respektieren. Sonst wird die Rechnung fällig.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Wo die wilden Kerle wohnen“ im Kino in Berlin 

Wo die wilden Kerle wohnen (Where the Wild Things Are), USA 2009; Regie: Spike Jonze; Darsteller: Max Records (Max), Catherine Keener (Max’ Mom), Mark Ruffalo (Freund); Farbe, 101 Minuten

Kinostart: 17. Dezember

We Were Once a Fairytale, USA 2009; Regie: Spike Jonze; Darsteller: Kanye West (Kayne West), Kalen Brest (Kellnerin), Ibn Jasper (Ibn);
Farbe, 14 Minuten; als HD-Film erhältlich im amerikanischen iTunes-Store

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Lesen Sie hier: Ein Interview mit Spike Jonze 

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