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Im Kino: Wolfskinder

Wolfskinder

Die Kinder, die in Rick Ostermanns Debütfilm durch Wiesen und Wälder streifen, mit Blicken das Revier taxieren und sich wortlos auf eine Route verständigen, wirken so, als bewegten sie sich durch einen zeit- und ortlosen Raum. Nur der Filmtitel gibt einen Hinweis. Als „Wolfskinder“ wurden in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Kinder im nördlichen Ostpreußen bezeichnet, die ihre Familien verloren hatten. Wenigen gelang es, in litauischen Familien aufgenommen zu werden.
Ostermann zeigt zu Beginn zwei Jungs im Grundschulalter, die auf Nahrungssuche durchs Gelände streifen, bis sie schließlich das Pferd eines russischen Soldaten wegführen und schlachten. Die Sequenz ist stark und prägt den Grundton des Films, der konsequent den Blickwinkel seines kindlichen Protagonisten einnimmt. Aus dieser Beschränkung und dem Wechselspiel mit dem ambivalenten Naturraum, der gleichermaßen Gefahren birgt und Zuflucht bietet, bezieht der Film seine Stärke. Im Laufe seines Weges wird der ältere der Brüder anderen Kindern auf der Flucht begegnen und diese auch wieder aus den Augen verlieren. Am eindringlichsten verlaufen ihre Begegnungen, wenn sie konsequent ohne Sprache auskommen und die Erzählung sich allein in Großaufnahmen der durchweg hervorragenden Kinderdarsteller um Levin Liam vollzieht. Dann vermitteln nur Blicke und Gesten etwas von Entscheidungen und Überlegungen, die die Kinder treffen. In den hyperrealistisch fotografierten Landschaftsbildern von Wiesen, Seen und Wäldern (Kamera: Leah Striker) liegt unterschwellig Gefahr: ein albtraumhaftes Idyll.    ?   

Text: Ulrike Rechel

Foto: Port au Prince Pictures

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: Wolfskinder

Wolfskinder (OT) D/Litauen 2013; R: Rick Ostermann; D: Levin Liam (Hans), Helena Phil (Christel); 94 Min.

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