Kino & Stream

Im Kino: „Ziemlich beste Freunde“

Ziemlich beste Freunde

Bis vor einigen Wochen war Omar Sy noch ein populärer Fernsehmoderator und Komiker. Dann kam „Ziemlich beste Freunde“ in die Kinos, der sich anschickt, der erfolgreichste französische Film aller Zeiten zu werden, und der Sy schlagartig zu einem Idol gemacht hat, das in allen Gesellschaftsschichten begeisterte Anhänger findet. Seither ist er ein gefragter Mann. Klar, dass so jemand nicht jede Einladung annehmen kann, die ihm ins Haus flattert. Vor Kurzem erhielt er indes eine, die man schlechterdings nicht absagen kann: Nicholas Sarkozy bat ihn, seinen Leinwandpartner François Cluzet und die Regisseure des Films zu einem Diner in den Elysйe-Palast. Sy ließ sich entschuldigen; mit einer Ausrede, deren Durchschaubarkeit gewiss wohlkalkuliert war.
Der Schauspieler ist in einer jener Vorstadtsiedlungen geboren, deren Probleme Sarkozy, selbst Sohn ungarischer Einwanderer, am liebsten mit einem Hochdruckreiniger der Marke Kärcher lösen würde. Sy bewies einen Mangel an Ehrerbietung, der gut zu der Figur passt, die er in „Ziemlich beste Freunde“ verkörpert. Driss ist einer, der die sozialen Mechanismen durchschaut und sich nichts vormachen lässt. So kann er es kaum glauben, dass ihn der steinreiche, querschnittsgelähmte Aristokrat Philippe (Cluzet) als Pfleger anstellen will. Wie es sich für eine anständige Kulturschock-Komödie gehört, raufen sich die beiden Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bald zusammen. Der feingeistige Witwer und der skeptische Lebenskünstler aus der Banlieue, für den Berlioz nur der Name einer Siedlung ist, werden zu einem unzertrennlichen Gespann.
Ziemlich beste FreundeDie Warnung, die Philippes Anwalt anfangs ausspricht – „diese Burschen aus der Vorstadt kennen kein Mitleid“ –, erweist sich
sodann als das Elixier ihrer testosteronstrotzenden Allianz. Sie begegnen einander auf Augenhöhe. Aus diesem Fehlen jedweder Rücksichtnahme schöpft der Film von Eric Toledano und Olivier Nakache seinen nonchalant zupackenden Humor. Ihm ist eine ganze Menge heilig. Aber seine Scherze kennen keine Tabus.
Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Man kann nicht umhin, der Wirklichkeit zu ihrem Einfallsreichtum zu gratulieren. Dennoch darf man den Film als Phantasie genießen: als heilsame Konfrontation des sonst Unvereinbaren, auch als Traum von sozialer Mobilität. Er ist als großmütige Allegorie lesbar auf ein traditionelles Frankreich, das aus seiner Erstarrung nur erlöst werden kann von der Dynamik einer Jugend mit Migrationshintergrund. In Krisenzeiten hilft er, sich auf eine republikanische Tugend zu besinnen: die Brüderlichkeit. Er feiert, das ist für seinen Erfolg nicht unwesentlich, die Gabe zu Anpassung und Bewältigung. Es ist nicht auszuschließen, dass ihn der französische Staatspräsident tatsächlich schätzt. Wer weiß, ob er sich nicht gern mit Driss identifizieren würde? Im Gegensatz zu ihm bewährt der sich in einer Stellung, für die er anfangs überhaupt nicht geschaffen schien.

Text: Gerhard Midding

Fotos: Thierry Valletoux / Senator Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Ziemlich beste Freunde“ im Kino in Berlin

Ziemlich beste Freunde (Intouchables), Frankreich 2011; Regie: Eric Toledano und Olivier Nakache; Darsteller: François Cluzet (Philippe), Omar Sy (Driss), Anne Le Ny (Yvonne); 112 Minuten; FSK 6

Kinostart: 5. Januar

Mehr über Cookies erfahren