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Im Porträt: Ivette Löcker

Ivette Loecker
Foto: Jürgen Keiper / Ivette Löcker

Als Ivette Löcker von Wien nach Berlin zog, da stellte sie fest, dass hier die Nächte anders sind. „Ich konnte das deutlich unterscheiden, in Berlin ist alles belebter.“ Aus dieser Beobachtung, die sich mit anderen zum Beispiel über nächtliche Arbeit verbanden, entstand der Dokumentarfilm „Nachtschichten“ (2010), der schließlich weit über das ursprünglich gesteckte Ziel hinaus ging, und die Nacht als „Existenzort“ entdeckte. Der Film fand viel Zuspruch, und so konnte Löcker sich einem Projekt zuwenden, das seine Wurzeln in ihren Studienaufenthalten in Russland in den 90er-Jahren hat.

„Ich war damals mehrfach in ?St. Petersburg. Dabei war ich bei einer Familie untergebracht, in der der Sohn, wie so viele aus seiner Generation auch, drogenabhängig wurde.“ Von den schockierenden Verwüstungen, die Drogen in Russland nach dem Ende des Kommunismus angerichtet haben, berichtet Löcker in ihrem neuesten Film „Wenn es blendet, öffne die Augen“, der auf der Dokfilmwoche gezeigt wird. „Ich wollte dann nicht unmittelbar mit dieser Familie drehen, sondern habe andere Protagonisten gesucht.“ In jedem Fall ist so ein Film entstanden, der über die individuellen Schicksale hinausweist. „Niemand hat uns auf die Freiheit vorbereitet“, sagt Ljoscha. Es ist eine  beziehungsreiche Bestandsaufnahme aus dem heutigen Russland.

Ivette Löcker kam allmählich zum Dokumentarfilm, ursprünglich recherchierte sie für andere Regisseure. Zum Beispiel wollte jemand einmal das „Schwarzbuch des Kommunismus“ verfilmen, daraus wurde nichts, aber sie konnte viele Erfahrungen sammeln. Mit dem Österreicher ?Nikolaus Geyrhalter war sie im Gebiet um Tschernobyl und interviewte Anreihner („Pripyat“), ein Osteuropa-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung ermöglichte ihr schließlich den ersten eigenen Film über zwei Kohleschiffer auf dem Baikalsee.

Wie steht es ihrer Meinung nach um den Dokumentarfilm heute? Löcker räumt ein, dass sie, obwohl sie in Berlin lebt, auf ihre österreichischen Verbindungen angewiesen ist. „In Deutschland hängt die Filmförderung stark am Fernsehen. In Österreich gibt es für kleine Projekte eine stärkere künstlerische Filmförderung.“ Ein kleines Projekt wird auch ihr nächstes: über ihre Heimat, den Lungau, eine Region im Salzburger Land. „Das wird sehr persönlich.“

Text: Bert Rebhandl

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