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„Im Schatten der Frauen“ im Kino

In dem Film „La cicatrice interieure“, der Regisseur Philippe Garrel 1972 mit seiner damaligen Lebenspartnerin Nico zeigt, sind bereits jene Themen auszumachen, an denen sich Garrel auch in den kommenden Jahrzehnten filmisch abarbeiten sollte. Es geht um den partnerschaftlichen Bruch, die große dramatische Liebe und das ewige Changieren zwischen Opferbereitschaft und Abkehr. Eifersucht, Erschöpfung und Elegie. Kleine, günstige Produktionen, gerne in Schwarzweiß und mit familiärer Unterstützung – Sohn Louis Garrel ist kein seltener Gast – realisiert, von denen es in Deutschland bisher keine einzige regulär ins Kino geschafft hat.
Das gelingt Philippe Garrel nun mit „Im Schatten der Frauen“, der im vergangenen Jahr die Sektion „Quinzaine des Rйalisateurs“ in Cannes eröffnen durfte und in seinem 35-mm-CinemaScope-Format auch recht hübsch anzusehen ist.
Inhaltlich bleibt Garrel einem alten Topos treu: dem des ratlosen Mannes, irgendwo eingesponnen in den eigenen fehlerhaften Annahmen. Jene haben, folgt man dem Denken des Regisseurs, ihre Ursache weniger im Sein des Einzelnen als im gesellschaftlichen Gesamtkomplex. Dennoch: Kam die männliche Figur in „La cicatrice interieure“ (Philippe Garrel selbst) letztlich zu dem Schluss, die klagende, schreiende und schimpfende Frau (Nico) zu verlassen, eiert Pierre (Stanislas Merhar) in „Im Schatten der Frauen“ noch eine ganze Weile länger auf die ihm ganze eigene Art herum.
Pierre, ein Filmemacher, der vom Erfolg bisher weitgehend verschont geblieben ist, lebt mit Manon zusammen (Clotilde Courau), die sich scheinbar ganz dem Wirken ihres Mannes verschrieben hat. Gemeinsam recherchieren sie für Pierres neues Dokumentarfilmprojekt über den einstigen Resistance-Kämpfer Henri (Jean Pommier). Manon glaubt fest an das Talent ihres Mannes, auch wenn sie sich in letzter Zeit verstärkt mit Zweifeln von Seiten ihrer Familie konfrontiert sieht.
Pierre beginnt derweil eine Affäre mit Elisabeth (Lena Paugam), einer Praktikantin, der er beim Besuch eines Filmarchivs begegnet ist. Elisabeth verliebt sich rettungslos in Pierre und kann der Versuchung nicht widerstehen, ihm nachzuspionieren. Sie entdeckt Manon und Pierre gemeinsam vor deren Wohnhaus, und, weit pikanter, Manon wenig später auch mit einem Liebhaber im Cafй. Pierre ahnt nichts vom Verhältnis seiner Frau, von welchem ihm Elisabeth schließlich berichtet.
„Im Schatten der Frauen“, der auf einem Drehbuch Jean-Claude Carriиres basiert, der schon für  Luis Buсuel, Louis Malle und Jean-Luc Godard gearbeitet hat, spielt nun die Wechselbäder Pierres durch, die jedoch eigentlich so gut wie unsichtbar sind. Sein Wesen spiegelt sich eher in den Gesichtern Manons und Elisabeths, denen Pierre mit stets derselben steinernen Miene gegenübertritt. Philippe Garrel zeigt eine Aggression, die unterschwellig schwelt und erst nach und nach an die Oberfläche gelangt. Sympathisch ist das nicht, aber auch nicht gerade uninteressant.

Text: Carolin Weidner

Foto: 2015 Schwarz Weiss Filmverleih

Orte und Zeiten: Im Schatten der Frauen

L’ombre des femmes (OT) F/CH 2015; R: Philippe Garrel; D: Clotilde Courau (Manon), Stanislas Merhar (Pierre), Vimala Pons (Lisa); ?73 Min.

Kinostart: Do, 28. Januar 2016

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