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Im Winter ein Jahr

Prolog: Es schneit. Der 19-jährige Alexander tanzt selbstvergessen mit den herabrieselnden Flocken durch den Garten der elterlichen Villa. An der Verandatür steht seine drei Jahre ältere Schwester Lilli (Karoline Herfurth), betrachtet ihn mit strahlenden Augen und einem beinahe verliebten Lächeln. Aber das Lächeln erstirbt, als die Mutter (Corinna Harfouch) den Garten betritt, den Sohn mit einer Videokamera aufdringlich filmt und so die Magie der Szenerie zerstört. Der Kontrast zwischen dem liebevollen Blick Lillis und dem besitzergreifenden Akt der Mutter deutet an, worum es gehen wird. Dann fällt ein Schuss.

Ein Jahr später setzt die eigentliche Erzählung ein, und wir erfahren, dass sich Alexander das Leben genommen hat. „Im Winter ein Jahr“ – die einfühlsam gewobene, im Münchner Milieu der Besserverdienenden angesiedelte Adaption eines Scott-Campbell-Romans – erzählt von der tief greifenden Verstörung, die Alexanders Tod bei Lilli und den Eltern hinterlassen hat. Die Mutter (Innenarchitektin) will sich ein schönfärberisches Andenken verschaffen und gibt beim renommierten Porträtmaler Max (Josef Bierbichler) ein Gemälde ihrer Kinder in Auftrag. Lilli, Studentin an einer Tanzakademie, weigert sich zuerst, dem Maler Modell zu sitzen, fügt sich dann aber doch, und so findet der Film zu seinem Herzstück: In den Begegnungen zwischen der traumatisierten Lilli und dem unbeirrbar wahrheitssuchenden Max entfaltet sich ein feinnerviger Prozess gegenseitiger Seelenabtastung und Annäherung. In der Arbeit am Gemälde wird der Künstler zum Seelenerrater und Vertrauten.

Wunderbar, wie Caroline Link es schafft, dass Josef Bierbichler sein vulkanisches Temperament zu einer sanft glühenden Intensität zähmt, wie sie Karoline Herfurth als facettenreichste Figur in immer neuen Wandlungen aufblühen lässt: als provokante Göre oder feenhafte Schönheit, als coole Verführerin oder hilfloses Kind. Die Porträtkunst, die Caroline Link schon bei ihrem Debüt „Jenseits der Stille“ (1996) und dem oscargekrönten „Nirgendwo in Afrika“ (2001) demonstrierte, erreicht hier einen staunenswerten, bewegenden Reifegrad.

Text: Rainer Gansera

Im Winter ein Jahr Deutschland 2008; Regie: Caroline Link; Darsteller: Karoline Herfurth (Lilli Richter), Josef Bierbichler (Max Hollander), Corinna Harfouch (Eliane Richter); 128 Minuten

Kinostart: 13. November 2008

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