Ägypten

„In den letzten Tagen der Stadt“

„Das Kino ist wichtig, aber das Leben auch“ – Der ägyptische Filmemacher Tamer El Said hat mit „In den letzten Tagen der Stadt“ seine Heimatstadt Kairo ­porträtiert – und pflegt enge Verbindungen nach Berlin

Foto: Zero Production

In Kairo sucht ein Mann eine Wohnung. Es ist das Jahr 2009. Bei der ersten Besichtigung steigt Khalid über Hühner. Bei einer anderen öffnet eine vollkommen verschleierte Frau die Tür nur ein wenig. Natürlich darf sie niemanden hineinlassen. Auf den Gängen durch die ­Straßen bekommt man ein Gefühl dafür, wie sich diese riesige Stadt anfühlt – Kairo, Hauptstadt Ägyptens, eines der Zentren des Islam, in einem Land mit uralter Geschichte.

Auf dieses Gefühl kam es Tamer El Said bei seinem Film „In den letzten Tagen der Stadt“ an. Im Interview erzählt er von der langen Entstehungsgeschichte: „Als ich an dem Film zu arbeiten begann, hatte ich viele ­Fragen im Kopf: Ist es möglich, die Seele dieser Stadt einzufangen? Welche Verantwortung habe ich, wenn ich das ­Gefühl habe, dass um mich herum alles zusammenbricht, und ich habe nichts weiter als eine Kamera? Es gab eine Dringlichkeit, diesen Moment zu verstehen, das geht zurück bis ins Jahr 2006. Wir hatten das Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann. Aber was würde kommen? Man will, dass etwas geschieht, denn es braucht einen neuen ­Anfang. Aber man hat auch Angst, denn man weiß nicht, ob die Veränderungen nicht alles mit sich reißen werden. In meinem Film geht es um das Dasein in so ­einem Moment.“

Der schlanke und ruhige Khalid ist also der Stellvertreter des Regisseurs, beide sind Künstler, beide wollen ihr privates Leben mit der Situation ihres Landes verbinden. Woran lag es aber, dass der Film so lange gebraucht hat, um fertig zu werden? Der Gedanke liegt nahe, dass das mit der Revolution von 2011 zu tun haben könnte. „Für mich“, sagt Tamer El Said, „ging es seltsamerweise eigentlich eher schnell. Der Film hatte es schwer, ohne jegliche Infrastruktur. Wir haben in Ägypten eine große Mainstreamindustrie, die besetzt den ganzen Raum. Der Typ Kino, den ich mache, wird nicht unterstützt, also musste der Film sein Produktionsmodell selbst erfinden.“ Und El Said fährt fort: „ Khalid hat immer gesagt: Wir haben alle Fehler gemacht, die man sich denken kann. Aber vielleicht war das die einzige Möglichkeit. Es gab ja keine Vorbilder. In den zehn Jahren ist viel passiert. Das Kino ist wichtig, aber das Leben ist auch wichtig. Ich wollte dabei sein, als sich mein Land für immer veränderte. Ich lebe fünf Minuten vom Tahrirplatz entfernt, die Wohnung im Film ist meine eigene. Wir haben auch eine Kinemathek gegründet und eine Struktur für unabhängiges Kino. Entweder man folgt dem Film, oder man gibt dem Film den Weg vor. Ich wollte dem Film folgen. Man muss offen sein. Die Stadt lässt sich nicht zwingen. Sie gibt die Momente.“

Die erwähnte Kinemathek (www.cimatheque.org) unterhält enge Beziehungen zu Berlin, das Arsenal unterstützt die Initiative aus der ägyptischen Zivilgesellschaft. Und Tamer El Said hat auch privat sehr enge Verbindungen – er hat einen Sohn in Berlin. „Berlin ist eine der Städte, die mir sehr nahe sind. Seit 15 Jahren komme ich immer ­wieder hierher. Die Beziehung zu Tod, Krieg und zu Verlust­erfahrungen ist in Kairo ganz anders, denn das ist ganz normal. Erst in Berlin wurde mir klar, dass es auch Menschen gibt, die das anders erleben.“
Er nennt ein alltägliches Beispiel: „In Berlin werde ich nicht nervös, wenn ich Polizei sehe. Berlin hat Narben aus einer Vergangenheit, die man sehen kann. Ich wünschte mir, dass Bagdad einmal so wie Berlin sein kann. Diese Stadt steht für mich für die Suche nach einem Ort, an dem wir alle gleich sind. Ich sehe Berlin als eine Stadt, die eine Sanftheit hat, die sich jetzt gerade allerdings ein wenig verändert.“ Könnte das Kino dazu beitragen, die Stereotypen zu hinterfragen? El Saids Film zeigt ein Ägypten, in dem es nicht damit getan ist, einen tyrannischen Herrscher zu stürzen. „Geht es darum, Mubarak zu beseitigen oder muss die Mentalität beseitigt werden? Unsere Region ist sehr kompliziert, die Gehirnwäsche hört nie auf. Die Vorurteile sind riesig. Das Problem der arabischen Welt ist ihre Lage. Geografie ist Schicksal, hat der große Denker Ibn Khaldoun gesagt. Ein Regimewechsel in Kairo hat Auswirkungen auf die ganze Welt, auf Israel und Palästina, auf den IS, auf Amerika, auf das Mittelmeer. Wir haben nie eine Gelegenheit gehabt, etwas für uns selbst zu entscheiden. So viel spielt immer von außen hinein.“ Und er schlägt den Bogen zum Film: „Im Kino geht es zwar nicht um diese Form von Poli­tik, aber man sollte sie im Blick haben. In Filmen muss es um Menschlichkeit gehen. Darum, die Stereotype nicht zu akzeptieren. Das Leben ist so wunderbar spontan. Ich wollte dieses Raue mit etwas Elegantem verbinden. Töne und Bilder sollten gemeinsam etwas ergeben, das etwas davon mitteilt, wie es ist, wenn man da ist. Fragen werden auf diese Weise keine beantwortet. Sie bleiben alle offen.“
Tamer El Said – ein Botschafter des Kinos, der in die hintersten Winkel von Kairo gegangen ist, um damit die Idee einer universalen Menschlichkeit zu retten.

Akher ayam el medina (OT) AEG/D/GB/VAE 2016, 118 Min., R: Tamer El Said, D: Khalid Abdalla, Laila Samy, Hanan Youssef, Start: 7.9.

Mehr über Cookies erfahren