Bestseller-Adaption

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ im Kino

Der erfolgreiche Produzent Oliver Berben steckt hinter der Bestseller-Adaption „In Zeiten des abnehmenden Lichts“

Foto: X Verleih/ Hannes Hubach

Wie verfilmt man einen Roman, der die ganze Geschichte des kommunistischen 20. Jahrhunderts (und dessen Provinzveranstaltung in der DDR) in eine weit verzweigte Familiengeschichte packt, und der es dabei an merkwürdigen Begebenheiten und einem dezent satirischen Unterton nicht mangeln lässt? Eugens Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ hat alle Voraussetzungen für eine große Fernsehserie, sieht man einmal davon ab, dass es eine ähnliche schon gibt, nämlich „Weißensee“, das öffentlich-rechtliche Vorzeigeprojekt, das aber im Vergleich arg schematisch und ausgedacht wirkt.
Bei Ruge hingegen geht es vor allem um ­Widersprüche, und zwar vor allem um solche, die der Kommunismus immer nur dogmatisch aufgelöst hat – zurück blieben verhärtete oder zerstörte Menschen, und ein nagendes Gefühl von Absurdität. Erfolgsproduzent Oliver ­Berben („Die Päpstin“, „Das Zeugenhaus“) ­hatte den Text von Ruge schon auf dem Tisch, als das Buch noch gar nicht im Handel war. Und er entschied sich gleich für eine Option auf die Verfilmungsrechte, ohne noch zu wissen, dass „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ zu einem Bestseller werden würde.

Über die Verfilmung spricht man dann tatsächlich am besten mit dem Produzenten, zumal, wenn dieser zu den wichtigsten Vertretern seines Metiers in Deutschland zählt. Oliver Berben ist einer, der jederzeit in der Lage ist, für die Adaptierung eines Buches wie das von Eugen Ruge ein Paket zu schnüren, wie man das in der Branche gern formuliert. Wie kam das Paket in diesem Fall zustande, wollte der tip von ­Oliver Berben wissen? Dazu musste man ihn aber erst einmal erreichen. Das Gespräch fand schließlich fernmündlich zwischen Berlin und Los Angeles statt.

Und Berben erzählt: „Der wichtigste Faktor war in diesem Fall sicher, dass Wolfgang Kohlhaase sich der Sache angenommen hat. Er ist für mich wie ein Gott, und ich wollte ihn ­unbedingt dabei haben. Wir haben uns also zusammengesetzt und über alles gesprochen. Dann habe ich aber lange nichts von ihm ­gehört, und eigentlich die Hoffnung schon aufgegeben. Bis mich dann aus heiterem ­Himmel ein Treatment von ihm erreichte. Da stand im Grunde fast alles genau so drin, wie der Film jetzt aussieht.“
Die Arbeit des renommierten Drehbuchautors bestand vor allem darin, einen dramatur­gischen Kniff zu finden, um das komplexe Geschehen zu bündeln. Im Roman ist die ­Lösung schon angelegt: Kohlhaase und der Regisseur Matti Geschonneck konzentrieren die Geschichte auf einen Tag, den 90. ­Geburtstag von Wilhelm Powileit. Der findet gerade noch so zu DDR-Zeiten statt, sodass hier noch einmal das ganze Personal aufmarschieren kann, das den Arbeiter- und Bauernstaat auf Alltags- und Funktionärs­ebene repräsentierte. Bruno Ganz spielt den verhärteten Veteranen ganz wunderbar, ­während um ihn herum eine Reihe von ­erprobten Charakterdarstellern (der in diesem ­Zusammenhang anscheinend unvermeidliche Sylvester Groth, Hildegard Schmahl, oder Angela Winkler in einer ­kleineren Rolle) ihren Auftritt haben.

Nicht immer gelingt es Matti Geschonneck dabei vollständig, die Balance zwischen Charakterstudie und Karikatur zu wahren, gelegentlich entgleist die Geburtstagsparade zu einer Typenschau. Mit dem Regisseur hat Oliver Berben schon bei „Das Zeugenhaus“ gearbeitet, er schätzt ihn, „weil er sich auf ­Ensembles versteht, weil er multiperspektivische Geschichten sehr gut auf einen einheitlichen Erzählraum konzentrieren kann“. In dieser Beschreibung steckt auch ein Stück Fernsehästhetik, wenn man das zuspitzen wollte. Oliver Berben war gerade in jüngster Zeit aber auch an einigen Projekten beteiligt, die dezidiert Kino sein wollen. „Tiger Girl“ von Jakob Lass zum Beispiel, oder demnächst „Axolotl Overkill“ von Helene Hegemann.

Geht er mit solchen Projekten auch ins Risiko, oder ist das durch Subventionen alles gut abgesichert? „Nein, nein, das darf man nicht unterschätzen. Da steht auch schnell mal eine Million auf dem Spiel, aber das muss man wagen. Und manchmal kommt das dann nicht alles direkt in Form von Einnahmen zurück, da geht es auch um internationale Wahrnehmung und Festivalteilnahmen, und darum, dass Deutschland als Kinostandort gesehen wird.“ Die letzten Sätze sind wohl vor allem auf „Tiger Girl“ gemünzt, der in Deutschland nicht gut lief. Nun wartet Berben auf das ­Abschneiden von „Axolotl Overkill“, und vor allem natürlich auf die Ruge-Adaption.

War es die richtige Entscheidung, das alles auf einen abendfüllenden Spielfilm zu konzentrieren? Man wird es sehen. Auf jeden Fall aber setzt Berben derzeit voll auf Serien. Das Gespräch lief deswegen über Los Angeles, weil Berben wegen der May Screenings dort war. Das sind die Previews der Pilotfolgen aller demnächst startenden US-Serien. Gibt es eine Lieblingsserie, eine Empfehlung? Oliver Berben zögert ein ­wenig, zu viele fallen ihm ein, dann nennt er aber doch zwei, und schiebt noch eine dritte nach: „Das ameri­kanische Drama ,Rectify‘ ist stark, oder die britische Minikrimiserie ,Innocent‘. Ich schaue aber auch gern so etwas wie ,The Walking Dead’.“ Die Zombie-Metapher ­könnte einem auch beim Geburtstag von Wilhelm Powileit durch den Kopf gehen, bleibt aber dann doch nicht hängen. Gediegenes deutsches Schauspielerkino ist eben doch etwas anderes.

In Zeiten des abnehmenden Lichts D 2017, 101 Min., ­R: Matti Geschonneck, D: Bruno Ganz, Hildegard Schmahl, Sylvester Groth, Alexander Fehling, Start: 1.6.

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