Kino & Stream

Independent Filmfestival im Filmkunst 66

Philip Seymour Hoffman in „Der Film wird das Publikum verwirren und für eine Ewigkeit beschäftigen.“ Gibt es eine schönere Werbung für einen Film als diesen Satz? Geschrieben hat ihn der große amerikanische Kritiker Roger Ebert und er gilt „Synecdoche, New York“, dem Regiedebüt des Autors Charlie Kaufman. Wer von Kaufman geschriebene Filme wie „Being John Malkovich“, „Vergiss mein nicht!“ und ­„Adaptation“ kennt, der weiß, dass er es hier nicht mit konventioneller Hollywood-Ware, sondern mit einem Kino der Selbstreflexion zu tun bekommt.
Es geht um große Pläne und elendiges Scheitern: Philip Seymour Hoffman spielt einen gefeierten Theaterregisseur, dessen Leben in eine Krise gerät. Also beschließt er, daraus ein Kunstwerk zu machen: New York baut er in einem Lagerhaus nach, die Szenerie bevölkert er mit Doppelgängern seiner selbst und anderer realer Personen. Vorbereitung und Inszenierung ziehen sich allerdings über Jahrzehnte hin …
In der Herausforderung an den Zuschauer mag „Synecdoche, New York“ ein Extremfall sein; dass er in den USA von dem Medienriesen Sony mit nur neun Kopien ins Kino gebracht wurde und der ihn in Deutschland nicht einmal auf DVD veröffentlichte, ist dagegen kein Einzelfall.
Auch bekannte Namen garantieren mittlerweile keinen Kinostart mehr. Magere Einspielergebnisse an den amerikanischen Kinokassen führen anderswo ebenfalls zu einem lustlosen Start mit nur wenigen Ko­pien (den die Verträge für den Fernsehverkauf vorschreiben) oder gleich zur Veröffentlichung auf DVD. Landet der Film bei einem kleineren deutschen Rechteinhaber (wie es etwa bei „Synecdoche, New York“ der Fall war), so wird der es sich gut überlegen, ob er den finanziellen Aufwand für einen Kinoeinsatz riskiert. Da ist das DVD-Geschäft allemal risikoloser.
Robert Pattinson in So wollen etwa die Fans von „Twilight“-Star Robert Pattinson ihn offensichtlich nur in der Rolle des blassen Vampirs sehen – vier andere Filme, die er in den vergangenen Jahren drehte, kamen hierzulande nur auf DVD heraus. „Little Ashes“, in dem Pattinson den jungen Salvador Dali verkörpert, wird ebenfalls in Franz Stadlers Festival zu sehen sein.
In Charlie Kaufmans Film flüchten Frau und Tochter des Theaterregisseurs aus New York nach Berlin, und man kann darüber spekulieren, inwieweit da Erfahrungen Kaufmans eingeflossen sind, der 2003 „Adaptation“ bei der Berlinale vorstellte. Fast gänzlich in Berlin angesiedelt ist „The Unscarred“, den der amerikanische Filmemacher und Literat Buddy Giovinazzo („Unter Brüdern“), der seit den 90er Jahren in Berlin lebt, vor zehn Jahren hier drehte. Wegen des Konkurses der Produktionsfirma verschwand der Film seinerzeit von der Bildfläche und kam erst im vergangenen Jahr auf DVD heraus. Dem äußeren Anschein nach ist der Film ein Thriller, im Kern allerdings ein Kammerspiel: Nach 20 Jahren finden drei Studienfreunde wieder zusammen, der Brite Travis, der Amerikaner Mickey und der Deutsche Johann. Letzterer ist mittlerweile mit der Italienerin Rafaella verheiratet, auf die seinerzeit auch die anderen ein Auge geworfen hatten. Für Mickey kommt die Einladung nach Berlin gerade rechtzeitig, angesichts von 90.000 Dollar Wettschulden. Doch in Berlin, wo sich Johann als Architekt sein Stück vom Kuchen der neuen Hauptstadt gesichert hat, müssen die Drei plötzlich eine Leiche beseitigen: Das lässt alte Spannungen wieder aufleben, Geheimnisse werden enthüllt – die Freundschaft erscheint in einem ganz anderen Licht. Nicht alle wer­den die Geschichte lebend überstehen.
Der Hauptteil des Films spielt in Johanns luxuriöser Wohnung (einer umgebauten und karg möblierten Fabriketage): Die Intelligenz der Inszenierung zeigt sich hier an der Positionierung der Figuren im Raum, die ihre wechselhaften Beziehungen zueinander deutlich macht. Das passt auch insofern, als die Geschichte selber von einer Inszenierung handelt – die allerdings anders endet als geplant. Da schließt sich der Kreis zum Film von Charlie Kaufman.

Text: Frank Arnold

Independent Filmfestival, 22. Juli bis 4. August im Filmkunst 66; Termine siehe Tagesprogramm und unter www.filmkunst66.de

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