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„Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino im Kino

Am 30. Januar 1945 feierte der Durchhaltefilm „Kolberg“ Premiere in der Atlantikfestung La Rochelle. Das Publikum: deutsche U-Boot-Mannschaften, die längst von den alliierten Landungstruppen eingeschlossen waren. Mit einem Fallschirm war die Kopie über der Festung abgeworfen worden, der Kriegsfilm mit Happy End fürs deutsche Militär sollte noch vor seiner Uraufführung in Berlin in Frankreich seine Wirkung entfalten. Zwei Jahre Produktion, ein gigantisches Budget, hinter der Kamera der „Jud Süß“-Regisseur Veit Harlan. Joseph Goebbels hatte den Film 1943 in Auftrag gegeben, um die Zuschauer an der Heimatfront weiter auf den totalen Krieg einzuschwören. Als der Film 1945 in die Kinos kam, war er nicht nur an der Wirkung gemessen ein Flop. Goebbels hielt dennoch an der Idee fest und ließ Harlan gleich den nächsten Großfilm planen.
In „Inglourious Basterds“ begegnet man der Goebbels-Idee vom Kino als strategischer Macht wieder, aber aus der Massenveranstaltung „Kolberg“ ist bei Quentin Tarantino eine irre One-Man-Show geworden. „Stolz der Nation“ heißt der Durchhaltefilm, den Goebbels (Sylvester Groth) in Auftrag gegeben hat, in der Hauptrolle nicht Hunderttausende, sondern nur ein deutscher Kriegsheld, der Gefreite Zoller (Daniel Brühl), der als Scharfschütze Hunderte US-Soldaten tötet. Die Pariser Premiere dieses Films, in Anwesenheit der gesamten deutschen Führung von Hitler abwärts, ist das Ereignis, auf das „Inglourious Basterds“ zuläuft, und es wird der Macht des Kinos, die Wirklichkeit zu verändern, eine ganz neue Bedeutung geben.
Die Filmsequenzen von „Stolz der Nation“ hat Eli Roth, einer der Basterds-Darsteller und selbst Horrorfilm-Regisseur („Hostel„), für Tarantino inszeniert. Roth hatte sich bei der Weltpremiere in Cannes über die Deutung von „Inglourious Basterds“ als Jewish Revenge Fantasy am meisten gefreut. Sein Propagandastück ist so doppelbödig wie alles in „Inglourious Basterds“. Der Gewaltüberschuss ist so exzessiv, dass der zuvor liebenswürdig gezeichnete Gefreite Zoller auf der Leinwand plötzlich als satanisches Monster erscheint, woraus wieder neuer Witz entspringt.
Die Macht des Kinos, die Welt zu verändern, diese Idee durchdringt Tarantinos Film. Zehn Jahre hat Tarantino an dem Stoff gearbeitet, zwischendurch überlegt, die angesammelte Überfülle als Mini-TV-Serie zu verfilmen oder als Roman zu publizieren, bis er doch, nach radikaler Straffung im letzten Jahr, entschied, daraus einen Spielfilm zu machen. Eine Komödie über die Sprache, über Akzente, über Täuschung und Selbsttäuschung, über subtile und sehr handfeste Formen des Sadismus, über Hochmut und die Frage, wie man in Friedenszeiten Nazis wiedererkennt.
Seine Zuschauer zum Lachen bringen, aber so, dass ihnen das Lachen dabei im Halse stecken bleibt, das ist Tarantinos Programm seit seinem Debüt. Spaß, der Horror, der wieder Spaß, der wieder Gewaltentladung wird, diese Kombination, die in „Reservoir Dogs„, „Pulp Fiction„, „Kill Bill“ oder „Death Proof“ für wahnwitzige Momente sorgte, bestimmt nun alles in „Inglourious Basterds“, von der ersten Szene des Films an. Eben hat man noch über die bizarre Sherlock-Holmes-Pfeife des „Jew Hunters“ Hans Landa (Christoph Waltz) gelacht, da sprengt sich der Film mit einem Massaker an einer jüdischen Familie endgültig vom doppelbödigen Wortgeplänkel ab, wird Shosanna (Mйlanie Laurent) als einzige Überlebende auf den Weg in die Geschichte katapultiert. Man wird sich wiedersehen, im Kino.
Die irrwitzigen Stimmungswechsel bleiben Methode: Einmal, zweimal, dreimal, viermal dreht sich das Machtgefüge beim Zwischen-Showdown in einer konspirativen Taverne komplett um, wird aus „Ich mach natürlich nur einen Witz!“ in einem Sekundenbruchteil wieder mörderischer Ernst samt Mexican Stand-off zwischen falscher und echter SS mit drei Pistolen unterm Tisch und zerschossenen Hoden. Die Referenzfilme wie „The Dirty Dozen„, „Hitler Dead or Alive“ (in dem B-Hollywood schon 1942 Hitler von Auftragskillern erschießen ließ), „The Inglorious Bastards„, Corbucci- und Hellman-Western oder Lubitschs „To Be or Not to Be„, sie alle verbrennen in diesem Tarantino-Feuer so schnell wie die Filmrollen, die hinter der Leinwand von Shosannas Pariser Filmtheater dafür sorgen, dass der Galaabend für die Naziführung einen überraschend feurigen Verlauf nehmen wird.
Das ist ein Fest für die Akteure, die wie Christoph Waltz, Daniel Brühl, August Diehl oder Til Schweiger in diesem Spiel mit Nuancen und Umkehrungen auch noch in den kleinsten Nebenrollen so brillieren, dass Brad Pitt und Diane Kruger nur mit Selbstironie dagegenhalten können. Sie alle haben dieses Leuchten, das Tarantino immer wieder in den Augen von Akteuren entdeckt, die endlich einmal alles geben können, wie Waltz, der dafür in Cannes den Preis als bester Darsteller bekam: Er nahm ihn auch als Auszeichnung fürs ganze Ensemble, das sich die Pointen und Grausamkeiten mit blindem Verständnis zuspielt.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Inglourious Basterds“ im Kino in Berlin

Inglourious Basterds, USA/Deutschland 2009; Regie: Quentin Tarantino; Darsteller: Christoph Waltz (Oberst Hans Landa), Brad Pitt (Aldo Raine), Mйlanie Laurent (Shosanna Dreyfus), Eli Roth (Sgt. Donny Donowitz), Michael Fassbender (Lt. Hicox), Daniel Brühl (Fredrick Zoller), Til Schweiger (Sgt. Hugo Stiglitz), Gedeon Burkhard (Wilhelm Wicki), Jacky Ido (Marcel), August Diehl (Hellstrom), Sylvester Groth (Joseph Goebbels), Martin Wuttke (Adolf Hitler), Mike Myers (General Ed Fenech), Diane Kruger (Bridget von Hammersmark);
Farbe, 152 Minuten

Kinostart: 20. August

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„Inglourious Basterds“-Star Christiph Waltz im Gespräch

 

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