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Im Gespräch: Klaus Lemke über seinen Film „Kein großes Ding“

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„Kein großes Ding“: Der Exgrower Henning und der kleinkriminelle Filmvorführer Mahmoud versuchen sich als Stripper. Foto: Achtung Berlin

In Berlin stellt Lemke beim Achtung Berlin Filmfestival seinen neuen Film „Kein großes Ding“ vor. Wir haben uns mit dem Regisseur über seine Faible für die Hauptstadt, Hostels, Gentrifizierung und – natürlich – über die deutsche Filmlandschaft unterhalten.  

In Berlin hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Junge Regisseure wie die Lass-Brüder, Nico Sommer und Axel Ranisch produzieren ihre Filme unabhängig und mittlerweile erfolgreich. Sie befinden sich mit Ihrer anarchischen Form des Filmemachens heute also in bester Gesellschaft wieder.
Absolut. Der letzte Film von Tom Lass ist wirklich gelungen. Ich halte „Kaptn Oskar“ für das Aufregendste seit Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“.

Sein Film ist allerdings mit weitaus weniger Geld entstanden als Ihre. Sie verkaufen meist ans ZDF.
Ich produziere meine Filme für dreißig- bis vierzigtausend Euro und verkaufe sie dann. Richtig. Die Gagen werden erst ausgezahlt, wenn ich den Film verkauft habe. Aber ich hoffe sehr, dass die Lass-Brüder nicht den Weg einschlagen, den alle anderen einschlagen. Wenn die Geld haben, ist alles kaputt. Es wäre das Ende ihrer inspirierenden Ära.

Das klingt ziemlich fatalistisch.
Nein. Es ist einfach völlig idiotisch, jungen Menschen eine halbe Millionen für einen Film zu geben, wenn sie doch etwas viel Intensiveres erleben würden, wenn sie nur zehntausend hätten. Da müssen sie kämpfen. Wenn sie eine halbe Million bekommen, müssen sie gucken, dass sie überall Ausgaben haben, müssen ihre Arbeit rechtfertigen, tun, was die Filmförderung sagt und sich in einer voreiligen Art und Weise unterwerfen. Sie denken, sie würden nur Geld nehmen? In Wirklichkeit nehmen sie sich die Chance auf das Leben.

„Kein großes Ding“ ist demnach programmatisch zu verstehen?

Ja. Ich mache meine Filme ohne Drehbuch und ohne jeden Plan. Ich mache das, was mir entgegen kommt. Ein Dreh dauert drei Monate. Ich fange manchmal an und höre dann wieder auf oder verwerfe den kompletten Film. Auf jeden, den ich drehe, kommt so einer, den ich wegwerfe.

Wie viel von dem Film existiert, bevor Sie mit dem Dreh beginnen?
Ich habe vor drei Jahren schon mal einen Film mit dem Titel „Kein großes Ding“ gemacht. Fertig gedreht, geschnitten – und weggeworfen. Das ist das Geheimnis meiner Filme. Wenn er mir nicht gefällt, sieht ihn auch niemand anderes.

Es gibt dementsprechend niemanden, der Ihren Arbeitsprozess kommentiert?
Doch, die Schauspieler, die ich ja zufällig finde. Ich fange im April meinen dritten Berlin-Film an – „Unterwäsche – Lügen“. Du ahnst, was das sein könnte. Das wird ein Film über die wirklichen Darkrooms der weiblichen Seele in Berlin. Aber das ist alles, was ich weiß. Das andere kommt, wenn ich komme. Wenn ich nicht komme, fahre ich wieder zurück nach München.

Sie arbeiten meist mit jungen Leuten.
Ich arbeite nur mit jungen Leuten. Menschen, die älter sind als 30 Jahre haben keine Zeit, mit mir zwei Monate zu verbringen.

Darf man bei Ihnen mittlerweile am Set essen, oder ist das immer noch verboten?
Essen ist das Allerletzte. Wer das tut, ist sofort gefeuert. Sex im Team geht auch nicht. Wer das nicht in sein Hirn bekommt, der soll die Scheiße weitermachen, die er vorher gemacht hat.

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Hauptdarstellerin Tini Bönig mit Klaus Lemke, Foto: Achtung Berlin

Ihr Hauptdarsteller, Thomas Mahmoud, hat Sie vor Ihrer Zusammenarbeit mit Tomaten beworfen.
Eine tolle Geschichte. Ich bin zum ersten Mal in Kreuzberg und besuche einen alten Freund, der in der Wrangelstraße ein Cafй betreibt. Ich geh ein wenig spazieren und da hagelt es plötzlich Tomaten von oben. Jemand brüllt unverständliches Zeugs, was darauf hinausläuft, dass die Touristen sich aus Kreuzberg verpissen sollen. Ich renne also ins Haus. Will explodieren. Mache Sport, ich kann das auch noch, und dann gehe ich rein und sehe Mahmoud. Ich wusste sofort: Das ist mein Mann. Da konnte ich ihm dann nicht mehr in die Fresse schlagen.

Wie haben Sie ihn motiviert, in Ihrem Film mitzuspielen?
Motivieren geht bei dem gar nicht. Er ist genau so wie im Film, immer an der Grenze. Ihn kann man nicht niederschreien. Aber seine Vitalität reißt einen irgendwann mit. Das ist es, was den Zuschauer durch den Film trägt. Einmal will man ihm den Kopf abhacken und das andere Mal liegt man ihm zu Füßen. Das hat auch Churchill immer über die Deutschen gesagt: Entweder, man liegt ihnen zu Füßen oder man hängt ihnen an der Gurgel.

Er ist wohl der einzige Michael-Jackson-James-Brown-Imitator der Welt …
Wie man mit so einem Irrsinn klarkommen kann, Wahnsinn. Aber das ist Berlin. Man steigt völlig frustriert in die S-Bahn, was das Tollste bei euch ist, und dann passiert etwas. Da sitzen die Leute nicht wie in München in Sйparйes sondern gegenüber. Was man da alles sehen kann, das ist schon das ganze Leben.

Sie finden die Themen also quasi im Vorbeifahren.
Nein, ich plane nichts. Ich suche nichts. Es kommt zu mir. In Berlin kennt mich so gut wie niemand. Ich kann da also unbeschwert durchgehen. Dann sehe ich etwas, meistens am Schlesischen Tor. An diesem U-Bahnhof hat man soviel Glück. Unfassbar.

„Kein großes Ding“ ist nun schon Ihr zweiter Berlin-Film. Finden Sie den Hype, der in den vergangenen Jahren um Berlin gemacht wurde, nicht ermüdend?
Überhaupt nicht. Trotz der ganzen Künstler und dieser Halbprominenz überall, trotz dieses manierierten Kreuzbergs und des elenden Mitte hat diese Stadt etwas, was hoffentlich auch mein Film hat. Berlin hat das, was eine  Großstadt ausmacht – sie rettet sich von einer Katastrophe in die nächste. Nimm den Flughafen, nimm Wowereit und jedes andere Detail – Berlin ist nicht zu bremsen. Auch nicht durch die subventionierten Künstler, weder durch den tip noch irgendetwas. Und auch nicht durch mich. Berlin ist immer stärker als man selbst. Besonders dann, wenn man glaubt, man hätte es im Griff.

Haben Sie in den vergangenen Jahren jemals daran gedacht, Fördergelder für Ihre Filme zu beantragen?
Wer das macht, killt sich.

Wenn man über Berlin und Film spricht, fällt mindestens im dritten Satz das Wort Medienboard, wahlweise auch Filmförderung, Standortmarketing oder Ökonomie.
Das ist alles gelogen. Absolute Beschäftigungstherapie. Es ist wie mit euren tausenden Galerien, die noch nie ein Bild verkauft haben. Das alles existiert nur, damit es so aussieht, als würde was passieren. So hat New York auch angefangen. Und auch Barcelona. Berlin hat aber diese irren, genialen Seiten, diese fabelhaften Hostels für Leute, die kein Geld haben und die da hinkommen können, um auf dem Flur zu ficken. Die ganzen Weiber und Drogen – alles gibt es umsonst in Berlin. So etwas vergisst man nicht. Zwei Wochen Paradies. Wenn die Leute später erwachsen sind, kommen sie immer wieder und gehen dann in die teuren Hotels. Das ist das Geschäft und das ist wirklich genial.

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