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Teil 2: Klaus Lemke über seinen Film „Kein großes Ding“


Das ist mal ein völlig anderer Blick auf die Partyfolklore dieser Stadt. Hostels sind üblicherweise Synonyme für die Gentrifizierung …
Die Gentrifizierung ist ein parteipolitischer Witz, lass uns darüber nicht reden. Das ist Unsinn.

Aber Sauftouristen zehren schon ziemlich an den Nerven.
Es ist aber ein Teil der Großstadt. Leute, die kein Geld haben, müssen eben gehen. Eine Großstadt ist kein Altenheim. Das muss man kapieren. Die Deutschen wollen keine Veränderung. Das ist auch bei der Filmförderung so. Die Chefin der Filmakademie fordert mehr Mut. Die Mitglieder mehr Staatsknete, dass sich das gegenseitig ausschließt, ist in den letzten 40 Jahren Obrigkeitskino niemandem aufgefallen. Aber so ist es eben. Denn, wenn er nicht gewollt hätte, dass sie geschoren wären, hätte der liebe Gott deutsche Regisseure nicht zu Schafen gemacht. Aus welchem Regisseur irgendeiner Hochschule ist in den letzten 30 Jahren etwas geworden?

Berliner Schule …
Nichts dagegen. Ich liebe Petzold so wie Dominik Graf und Detlef Buck. Aber, wie museal darf denn das alles noch werden? Das Kunstding, nicht die normalen Leute, wird ja immer spießiger. Die Leute haben längst die Künstler überholt, denn die leben auf Kosten des Staates. Es gibt aber in Berlin sehr viele Leute, die auf ihre eigene Kosten leben. Die Künstler, die von der Stadt bezahlt werden, die sollen den Leuten erklären, wie das Leben geht? Ehrlich, es ist genau umgekehrt.

Wie lange sind Sie denn immer in Berlin?
Vor „Berlin für Helden“ war ich vierzig Jahre nicht in der Stadt. Wenn mein Film zu Ende ist, gehe ich auch sofort wieder nach München. Denn wenn ich zu nah rankomme, verliere ich den Blick. Mein Auge muss frisch sein. Ich muss offen sein, darf keine Ideologie im Kopf haben, nicht zu viele Vorurteile ausleben. Ich muss bescheiden sein und das geht eben nur, wenn man nicht in Berlin wohnt. Sonst entwickelt man Hass, Neid und einen starken Überlebenswillen. Den braucht man in München nicht.

Ich dachte immer, in München wohnen die manierierten Menschen …
München ist eine norditalienische Stadt, also katholisch. Katholisch bedeutet, dass einem der liebe Gott vergibt. Preußisch ist das absolute Gegenteil von katholisch. Gott zeigt einem hier, wie gut es einem geht, an dem, was man hat. Das ist der Unterschied zwischen Calvinismus und Katholizismus. München ist eine wunderbare, übermütige, verkommene und von sich selbst besoffene Kleinstadt.

Ihre Filme leben von ihrer Direktheit und zeigen eine gierige Jugend, Nacktheit, Sex. Haben Sie jemals daran gedacht, expliziter oder pornografischer zu werden?
Daran denke ich sehr oft. Aber es macht keinen Sinn, Filme zu machen, die das Prädikat „Ab 18“ erhalten. Da bekommt man nicht mal mehr einen Video-Verleiher, geschweige denn einen Fernsehfilm bezahlt. Ich muss die Filme, die ich drehe, verkaufen, wenn sie fertig sind.

Drehen Sie immer noch Surffilme?
Damit verdiene ich mein Geld. Ich bin Spezialist für Surf-Werbung und komme auch gerade aus Ghana. Dort habe ich eine Werbung für eine kanadische Firma gemacht. Aber ich drehe nicht das, was auf dem Wasser passiert. Ich bin der Spezialist für’s Land. Ich habe eine riesige Erfahrung mit Leuten von der Straße und echte Surfer sind genau das. Ich kitzle Dinge so aus ihnen heraus,

als würden sie das, was sie in der Werbung sagen, auch wirklich so meinen.

„Kein großes Ding“ strotzt nur so vor vulgär-albernen Bonmots. Er wirkt so perfekt inszeniert. Lässt Lemke seine Laien vorher zehn „Must Haves“ auswendig lernen?
Das ist alles improvisiert. Man sieht es auch in den Szenen, alle Leute sind ja völlig geschockt, als Mahmoud mit Sätzen wie „Sieht aus wie ein Sack Muscheln und macht hier auf Fotzenkaiser“ aus sich rausgeht. Das ist nicht so wie bei den Lass-Brüdern, wo die Leute versuchen so zu reden, wie im Leben. Das ist das Leben. Aber es bedeutet auch, dass ich von vier Tagen, die ich drehe, drei wegwerfen muss. Auf Kommando passiert gar nichts. Das macht die Filme so lebendig und deswegen schmeiße ich viel weg. Ich habe bei Heidegger studiert und vieles von dem, was er geschrieben hat, überhaupt nicht verstanden. Aber eines habe ich gelernt: Die Sprache spricht sich von selbst. Das sieht man auch in den amerikanischen Filmen. In Deutschen sprechen die Leute immer noch wie bei Goethe. Sprache ist nicht sinnvoll. Sie ist voller Überraschungen und Gegensätze.

Die deutsche Filmkritik ist da ja oft nicht minder restaurativ mit ihrer selbst auferlegten Pflicht alles zu intellektualisieren.  
Ja. Genau. Das ist ja das Tolle an amerikanischen Filmen, sie lassen die Welt oft unerklärbarer zurück, als man sie vorgefunden hat. Man kann nichts erklären. Wenn man erklärt, ist man schon in einer anderen Welt.

Hat Ihnen die Digitalisierung der Filmtechnik neue Wege eröffnet?
Ich habe keinen Tonmann, kein Licht, es gibt kein Catering. Ich arbeite mit nur einem Kameramann. Oft bekommt es niemand mit, dass wir überhaupt drehen. Deshalb kann ich auch ohne Absperrung drehen, ohne Aufnahmeleitung und diesen ganzen Filmdreck, der alles kaputt macht. Man braucht überhaupt kein Licht dank der modernen Technik. Licht braucht man nur, damit die Produzenten mehr verdienen. Ich wollte Ende der 1990er aufhören. Wirklich. Ich hatte nur zwei Filme in zehn Jahren gemacht und hatte überhaupt keine Lust mehr. Dieser ganze Ballast, der einer Filmproduktion anhängt, drei Assistenten – wer braucht die? Ende der 90er musste man immer mehr Geld ausgeben, damit man glaubte, es wäre Kino. Es war aber das genaue Gegenteil. Alles tot und vorbei. Seit es die neuen Kameras gibt, drehe ich jedes Jahr einen Film. Es ist eine Befreiung. Und jedes Jahr werden meine Filme von der Berlinale abgelehnt, was mich stets ein Stück berühmter macht.

Das nennt man wohl eine funktionierende Hassliebe …
Na klar. Alle, die an der Berlinale beteiligt sind, wissen, dass ich Recht habe mit dem, was ich über dieses Konstrukt sage. Aber die müssen ihre Häuser und ihre Kinder bezahlen. Und zum Film gehen eh nur die Doofen, also die, die wirklich krank sind. Auf den Filmhochschulen gibt es nur die Söhne von Steuerberatern und Filmproduzenten, bei denen die Eltern sagen: „Der ist zu doof, um Rechtsanwalt zu werden, den schicken wir auf die Filmhochschule. Da zahlt der Staat durchgehend bis zum Tod.“

Interview: Martin Daßinnies

„Kein großes Ding“ Achtung Berlin-Termine: Sa, 12.4., 22:15, Babylon 1, Di, 15.4., 21:30, Filmtheater am Friedrichshain

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