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Interview mit Charlie Kaufman

Interview mit Charlie Kaufman

tip Herr Kaufman, die Geschichte von „Anomalisa“ haben Sie ursprünglich als Hör-stück für die Bühne geschrieben. Wie ergab sich von da aus der Übergang ins Animationskino?
Charlie Kaufman?Das Stück gibt es seit 2005, da hatte es auch ein Freund gesehen, Dino Stamatopoulos, der 2010 sein eigenes Animationsstudio gründete, in das Duke Johnson, der Koregisseur von „Anomalisa“, auch einstieg. Sie schlugen mir vor, das Stück, das man auch als realen Spielfilm hätte drehen können, als Animationsfilm zu machen. Dann haben wir überlegt, wie man das übersetzen könnte und was daran auch besonders gut für die Handlung wäre. Wir wollten die Figuren lebendig aussehen lassen, nicht wie idealisierte Menschen, sondern ganz fleischlich.

tip Haben Sie die Besonderheiten der Marketing-Welt extra recherchiert, die den Hintergrund von „Anomalisa“ bildet?
Charlie Kaufman Oh nein! Da musste ich nichts extra recherchieren. Ich habe über zehn Jahre verteilt immer wieder selbst in Call-Centern gearbeitet und unzählige Telefonanrufe angenommen. Ich habe wirklich viel Erfahrung damit gesammelt. In „Anomalisa“ habe ich damit einfach nur rumgespielt. Dass man am Telefon lächeln soll, wird einem auch jeder in dieser Branche erzählen. Das ist es, was Michael im Grunde sagt.

tip Wie in anderen Ihrer Drehbücher bewegt sich auch Michael, die Hauptfigur von „Anomalisa“, mit seiner psychischen Störung an der Grenze zur Selbstauflösung.
Charlie Kaufman Ich denke, jeder Mensch hat eine psychische Störung. Jeder hat eine subjektive Psychologie, eine subjektive Sicht auf die Welt, und ich versuche, da hineinzukriechen. Für mich ist das die einzig wahre Weise, einen Menschen darzustellen. Ich denke über die Figuren nicht in Kategorien von Krankheit nach, sondern in Begriffen ihres Ringens mit dem Leben.

tip In „Anomalisa“ haben Sie dennoch eine sehr exotische Störung als Hintergrund gewählt, das Fregoli-Syndrom: Ihr Held nimmt andere Personen als immer neue Doppelgänger wahr.
Charlie Kaufman Ich dachte, dass es Spaß machen würde, das auf die Leinwand zu bringen. Als ich davon las, habe ich gleich überlegt, wie das als Metapher in einem Film aussehen würde. Das habe ich schon in „Synecdoche, New York“ (2008) mit dem Cotard-Syndrom gemacht (Anm.: der Wahn, tot zu sein).

tip „Anomalisa“ ist als Stop-Motion-Film eigentlich die Erfüllung des Traums von der absoluten, fast göttlichen Kontrolle, die der Regisseur in „Synecdoche, New York“ nie ganz erreicht.
Charlie Kaufman Oh, aber auch in „Anomalisa“ gab es jede Menge an Chaos und budgetäre Einschränkungen. Es gibt einen tiefen Konservativismus in der Industrie, auch bei Animationsfilmen. Filme wie „Fritz The Cat“ scheinen 100 Jahre weit weg, wenn man das als Kulturphänomen betrachtet. Als Studioangestellter wird man für eine exzentrische Entscheidung, die keinen Erfolg hat, gefeuert. Aber für eine konservative Entscheidung, die keinen Erfolg hat, wird man in dem System nicht gekündigt. Rückblickend haben wir bei diesem Film alles richtig gemacht. Aber während wir dabei waren, konnte das niemand wissen.

tip Hat der kommerzielle Misserfolg von „Synecdoche New York“ Ihre Arbeit verändert?
Charlie Kaufman Ich habe versucht, das nicht zuzulassen. ?Wenn man das zu sehr verinnerlicht, beginnt es, die Arbeit zu beeinflussen: die Überlegung, dass etwas zu teuer sein könnte, wenn man es in ein Drehbuch schreibt. Als ich mit Spike Jonze arbeitete, und mit Ideen daher ?kam, die unmöglich zu realisieren schienen, sagte er immer: „Mach Dir keine Sorgen, schreib einfach weiter, wir finden schon eine Lösung“.

tip Sie haben selbst Ihr Autoren-Ich für frühere Projekte aufgesplittert und sich so unabhängige Storylines in Drehbücher hinein geschrieben – wie in „Being John Malkovich“ (1999).
Charlie Kaufman Als ich jung war, hatte ich einen leibhaftigen Schreibpartner, es gab also immer diese Erfahrung, sich Ideen zuzuwerfen und damit stets ein überraschendes Element in der Arbeit. Ich habe versucht, das zu simulieren, als ich begonnen habe, alleine zu arbeiten. Man lässt zwei Dinge kollidieren, statt für weiche Übergänge in einer Erzählung zu sorgen. Man muss aber schon Entscheidungen treffen, wie es weiter geht, wenn der Crash einmal stattgefunden hat.

tip Sie haben parallel zu „Anomalisa“ an einer Serie gearbeitet, an „How And Why“ mit Michael Cera und Catherine Keener. Was ist daraus geworden?
Charlie Kaufman Wir haben einen Pilotfilm gemacht, aber das FX-Network hat entschieden, das Projekt nicht weiter zu führen. Sie waren sich nicht sicher, ob es kommerziell erfolgreich sein würde. Es war exzentrisch. Man konnte nicht absehen, wie es sich entwickeln würde.

tip Sind Ihre Filme für Sie miteinander verbunden, wie ein „work in progress“?
Charlie Kaufman Nicht, dass mir das bewusst wäre. Die Filme kommen alle aus meinem Hirn und es gibt möglicherweise Parallelen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich auf einen bestimmten Punkt zubewege. Ich stolpere einfach vorwärts. Ich versuche, etwas Neues zu machen, weiß nicht genau, wie es geht, bin frustriert, werde depressiv, aber ich muss weiter stolpern, weil mir jemand Geld bezahlt hat. Also ist Anhalten keine Option, und ich mache weiter. Und schließlich entsteht etwas, das ich vorzeigen kann. Und dann schaut man, was passiert (lacht).

Interview: Robert Weixlbaumer

Foto:
Monica Schipper / 2015 Getty Images

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