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Interview mit Danny Boyle

boyle_danny_127_hourstip: Mr. Boyle, Sie haben die Geschichte des Extremkletterers Aron Ralston, der drei Tage durch einen Felsen eingeklemmt war und sich durch Eigenamputation eines Armes retten musste, selbst schon als „unverfilmbar“ bezeichnet. Was hat Sie denn bei der Adaption von  Ralstons Vorlage für „127 Stunden“ geleitet?
Danny Boyle: Wir vergaßen nie, dass es vom Publikum viel verlangt ist, einer einzigen Figur durch eine so intensive Geschichte zu folgen, deren Finale wahrscheinlich jeder kennt. Wir sind heutzutage grundsätzlich zu vollgestopft mit Informationen, bevor wir ins Kino gehen – egal, was gezeigt wird. Meine Theorie ist aber, dass ein großartiger Schauspieler beim Zuschauer eine Art Amnesie auslöst und ihn sein Vorwissen vergessen lässt. Wenn er gut ist und uns sein Schicksal glauben lässt, füllt er unsere Gehirne und verdrängt die anderen Informationen daraus. Man vergisst vielleicht nicht, wo der Trip hinsteuert – aber man möchte trotzdem den Weg dorthin teilen.

tip: James Franco erzählte, dass Sie ihn fast nicht besetzt hätten, weil er Ihnen beim ersten Casting etwas benebelt erschien.
Boyle: (lacht) Dabei hatte er nur die Nacht durchgemacht und an einem seiner Kunstprojekte gearbeitet. Aber ich musste ganz sicher sein, dass ich mich auf ihn verlassen kann. „127 Stunden“ brauchte wirklich die schwierigste und wichtigste Performance von allen Filmen, die ich bis jetzt gemacht habe. James musste von arrogantem Übermut bis zu Todesfurcht so ziemlich jede denkbare Emotion verkörpern. Immer im Hinterkopf, dass ihm mit Ralston genau der Mensch als Berater zuschaute, dessen Schicksal wir gerade verfilmten. Aber wie  Ewan McGregor ist James ein Schauspieler ohne jede Eitelkeit. Er zeigt sich vor der Kamera völlig schutzlos und versteckt sich nie hinter Manierismen. Es war ein Glück, dass wir ihn bekommen haben.

James hat schon oft sein Talent gezeigt, etwa in „Milk“ – aber es kam mir so vor, als hätte ich ihn in dem Augenblick erwischt, in dem seine Lebenserfahrung und sein Selbstbewusstsein genau passten, sodass er dem psychologischen Druck der Rolle auch ausnahmslos standhalten konnte. In Zukunft könnte ich ihn wahrscheinlich nicht mehr bezahlen (lacht).

tip: Stimmt es, dass Sie ursprünglich ein klassisches Happy End gedreht haben, in dem Ralston seine Familie in die Arme schließt?
Boyle: Ja, aber wir haben uns fünf Minuten vor Abgabe des Filmes dazu entschlossen, diese konventionelle Auflösung zu schneiden. Die ganze Produktion war ein Spiel mit der Story, ein Ausreizen der Möglichkeiten des Kinos. Wichtiger war uns ein offenes Ende, bei dem er zwar gerettet wird, aber auch ein Portal in eine neue Zukunft durchschreitet. Seine Geschichte ist offensichtlich auch eine Metapher für die Kultur des Egoismus in der Zivilisation. Als Mr. Independent bricht er auf in menschenleeres Gebiet, ohne jemanden zu informieren. Erst als er einsam und hilflos ist, erinnert er sich an seine Liebsten und stellt zwischenmenschliche Verbindungen her. Die Videokamera, mit der er seine Gedanken aufzeichnet, ist seine Nabelschnur in die Gemeinschaft. Cormac McCarthy bezeichnet diese Introspektion als „Moment der Gnade“ – die innere, ungeheuer befreiende Erkenntnis des Individuums, dass es nicht allein auf Erden ist.

tip: Ralston selbst hielt sich bis zu seinem Unglück für einen Superhelden.
Boyle: Das ist eine sehr amerikanische Haltung. Dementsprechend beginnt unser Film auch wie ein klassischer Western, in dem der Held in die Wildnis zieht als entdeckungshungriger „Frontier Man“. Aber leider hasse ich Superheldenfilme (lacht). Mich interessierte, wie so ein Draufgänger versagt und was er daraus an wahrer Größe lernt.

boyle_franco_127_hourstip: Hand aufs Herz: Wäre der Stoff finanziert worden, wenn nicht der Triumph von „Slumdog Millionär“ mit acht Oscars vorausgegangen wäre?
Boyle: Garantiert nicht. Die Marketing-Leute hatten bis zuletzt Kopfschmerzen mit dem Film, und ich verstehe ihren Kummer – er passt in keine leicht vermittelbare Kategorie. Aber nach dem Oscar hatte ich ein kleines bisschen Macht. Besser gesagt: die Macht, mein nächstes Projekt selbstständig wählen zu können. Oft wird in solchen Situationen ein reines Eitelkeitsprojekt gewählt, das der betreffende Regisseur bereits sein ganzes Leben vergeblich zu realisieren suchte. Eine verständliche Reaktion auf unerwarteten Erfolg, aber meistens sind diese Motive zweifelhaft.

Gus Van Sant hat nach dem Durchmarsch von „Good Will Hunting“ das umstrittene Bild-für-Bild-Remake von „Psycho“ gewählt, für das es zu keinem anderen Zeitpunkt seiner Karriere grünes Licht gegeben hätte. Nichts gegen dieses mutige Experiment – aber ich wollte einen ungewöhnlichen Stoff wählen und dennoch für das Publikum arbeiten. Und nicht für mich allein.

tip: 2010 wurden Sie als Regisseur des nächsten 007-Filmes angekündigt, den nun Sam Mendes dreht …
Boyle: Eine Zeitungsente – mehr als unverbindliche Meetings mit den Produzenten gab es nicht. Aber zugegeben: Für mich als Briten, der mit dem Idol James Bond aufgewachsen ist, wäre so ein Job natürlich äußerst verlockend. Aber ich habe gelernt, dass große Filme alles andere als meine Stärke sind. Beim Dreh von „The Beach“ war ich unglücklich, und ein „Alien“-Projekt habe ich nach kurzem Flirt lieber wieder verlassen. Ich funktioniere besser, wenn ich meinen eigenen Weg gehe, statt mich an der Jagd nach Blockbustern zu beteiligen.

tip: Der Siegeszug von „Slumdog Millionär“ erschien Ihnen zeitweise sogar unheimlich.
Boyle: Und wie! Es ist ja nicht so, als ob ich mit „Trainspotting“ oder „28 Days Later“ nicht schon ein Publikum gefunden hätte. Aber diese Explosion an Popularität überraschte uns alle. Man kann versuchen, die Gründe im Zeitgeist zu finden. Ich glaube zum Beispiel, dass in Indien ein globaler Filmmarkt wartet, den wir wegen seiner Bollywoodseligkeit noch ein wenig belächeln. Irgendwann wird es auch einen Crossover-Hit aus Indien geben, dem wir wiederum aus dem Westen eine Brücke bereiteten. Aber an diese Möglichkeit dachten wir bei der Produktion niemals. Mich bestätigt der Erfolg von „Slumdog Millionär“ letztlich nur in meiner Einschätzung, dass in dieser Branche nichts kontrollierbar ist und man sich auf seinen inneren Kompass verlassen darf.

tip: Die nächsten zwei Jahre stehen Sie dem Kino nicht zur Verfügung: Sie inszenieren am Theater „Frankenstein“ und die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London 2012. Was reizt Sie denn daran?
Boyle: Ich werde unruhig, wenn ich bei der Arbeit nicht auch ein paar Nüsse zu knacken bekomme. Das Angebot für Olympia machte mich extrem stolz, ich lebe keine Stunde vom Stadium entfernt. Aber das Spannende wird sein, einen neuen Ansatz zu finden. Niemand wird je mit Beijing konkurrieren können, das Spektakel war einmalig und im Übrigen so teuer, dass bis heute niemand die ganzen Kosten kennt. Mehr Feuerwerk geht nicht, wir können ja nicht den Himmel anzünden. Da das Londoner Stadium zudem nur halb so groß ist, planen wir ein intimeres Event. Auch den Grundgedanken der Spiele wollen wir in den Vordergrund rücken. Nicht das Veranstaltungsland präsentiert sich bei der Feier. Vielmehr geht um die respektvolle Begrüßung von Athleten, die Jahre für den Wettkampf trainiert haben.

Interview: Roland Huschke

Die Filmkritik zu „127 Hours“ finden Sie hier.

Der Bergsteiger Aron Lee Ralston
ralston_aron_127_hoursDie Optionen, die sich der Bergsteiger Aron Lee Ralston zurechtlegte, nachdem ihm im April 2003 ein herabgestürzter Felsbrocken den rechten Arm in einem einsamen Can­yon in Utah eingeklemmt hatte, waren nicht rosig: Selbstmord (verworfen). Zerkleinern des Felsbrockens mit dem Taschenmesser (zu langsam). Heben des Fels­brockens mit den Kletterseilen (zu elastisch). Durchtrennen des Arms mit dem Messer (zu stumpf für den Knochen). Nach sechs Tagen, dehydriert und ohne Aussicht auf fremde Hilfe, entschied sich der damals 27-Jährige für eine fünfte Option: Er brach sich selbst Elle und Speiche und durchtrennte danach mit dem Messer den Arm.

Seine Selbstrettung hielt er in einem Buch fest („Im Canyon“) und tourte durch die Talkshows. Den teuer erkauften Ruhm wird ­Boyles Film nun noch vergrößern. Ralston war bei den Dreharbeiten am Originalschauplatz als Berater dabei, aber den Stein, der seine Hand zer­trümmerte und einklemmte, hat er auch jenseits des Drehs immer wieder besucht und berührt – um seine Freiheit zu feiern.

Text: Robert Weixlbaumer

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