Kino & Stream

Interview mit dem Guerilla-Filmemacher Klaus Lemke

klaus_lemketip-Autor Nicolas Љustr durfte Klaus Lemke einen Tag bei den Dreharbeiten in Berlin zugucken. Für das anschließende Interview trafen sich die Beiden in Lemkes Dachgeschosswohnung an der Torstraße in Mitte.

tip: In München wohnen Sie auch unterm Dach. Ist Ihnen das wichtig?
Klaus Lemke: Da muss ich meinen Freund Wolf Wondratschek zitieren: „Wir wohnen zwar im Keller, aber da ganz oben.“ Aber eigentlich hat sich das hier einfach so ergeben. Das hier ist ja ein richtiger Palast im Vergleich zu meinem Loch ohne Dusche.

tip: Warum diese materielle Entsagung?
Lemke: Das Image beruht darauf, dass ich mal sehr reich war. Das wünsche ich wirklich allen Leuten. Ich wünsche allen Frauen einen großen Busen. Wenn man einmal erlebt hat, was Geld ist – es ist so doof, andere hätten so gerne 1.000 Euro, und ich gönne denen das auch, aber … Ich hatte zum Beispiel mal einen eigenen Jet, als ich mal zwei Jahre mit Ira von Fürstenberg befreundet war. Da ist man nach London geflogen, wenn sie sich die Nägel schneiden lassen wollte.

tip: Wird Reichtum so schnell öde?
Lemke: Schlimmer, das ist wie mit Ruhm. Mein Spezi Fassbinder ist natürlich an Drogen gestorben. Aber in dem Moment, wo man sich die ganzen kleinen Striezi-Jungs leisten kann, fangen die an, sich zu verweigern. Wenn man also alles hat, kriegt man genau die nicht, weil das deren Status erhöht. Genau die Welt, die er so gern mochte, diese anarchistische, homosexuelle, kleine, gefährliche Welt, aus der war er ausgestoßen, sobald er berühmt war. Alles, was du anfasst, wird zu Gold. Nichts ist mehr aus Fleisch und Blut. Du fasst ein Mädchen an und das wird kalt. Dein Herz wird kalt.

tip: Und diese Erfahrung wünschen Sie jedem?
Lemke: Jeder sollte mal reich sein, um zu sehen, wie das ist. Im Leben zählt wirklich nur eins: dass man kräftig auf die Fresse kriegt. Weil man nicht aufstehen will. Weil man nicht das Finanzamt anrufen will. Und damit muss man dealen. Die Leichtigkeit, die man so dringend braucht, um das Gift des Systems zu schlucken und zu irgendetwas Kreativem zu verarbeiten, diese Leichtigkeit kann man nur da holen, wo es einem am schwersten fällt: bei sich selbst.

tip: Ihre Filme kosten nicht viel in der Produktion. Was bleibt bei Ihnen hängen?
Lemke: Wenn ich hier aus Berlin weggehe, habe ich ungefähr 40.000 Euro dagelassen. Da kommen noch mal 30.000 dazu, bis der Film fertig ist. Ganz am Ende bleiben mir so zehn bis 15.000.

tip: Davon können Sie in München leben?
Lemke: Nein, obwohl ich kein Internet, keine Versicherungen und so was habe. Wenn ich gerade nicht drehe, dann will ich die Nächte durchsaufen. Und ohne Drogen macht es auch keinen Spaß. Geld verdiene ich mit Surferfilmen.

tip: Wie sind Sie denn dazu gekommen?
Lemke: Ich habe dieses Talent, Leute vor der Kamera fünf bis zehn Jahre jünger aussehen zu lassen. Das Problem ist, dass die ganzen Profisurfer viel zu alt für die Zielgruppe sind. Wenn man also den potenziellen Käufern klarmachen soll, dass sie sich dieses Hemd, für das das Video ist, kaufen sollen, dann müssen für die die Surfer cool sein. Ich drehe auch gerne mit denen, das sind richtige Abenteurer. Die haben natürlich uralte Hemden und würden sich nie so ein teures kaufen. Diese Videos sind ein ganz kleiner Nischenmarkt, aber ich bin da halbwegs Spezialist.

tip: Vor ein paar Jahren haben Sie den bösen Dokumentarfilm „Never Go To Goa“ gemacht. War das ein Abfallprodukt der Surfvideos?
Lemke: Nein, aber das hätte gut sein können. Goa ist so eine Scheiße, das kann wirklich nichts überbieten. Selbst wenn man total auf Heroin ist, und das gibt es dort wie Milch, selbst dann taugt es nichts. Dabei gibt es so tolles Gras, das ist so süß wie in Jamaika. Du kannst machen, was du willst, nach einer Woche bist du auf Heroin.

klaus_lemketip: Ansonsten gilt Ihr ganzer Hass der deutschen Filmförderung, über die Sie immer wieder herziehen. Steckt hinter Ihren Tiraden wirklich kein Neid?
Lemke: Ich hab wirklich nicht viel Geld und will nicht mehr haben. Nichts macht kreativer, als wenn man morgens aufwacht und die Miete ist nicht bezahlt. Und es macht dich krank, wenn als 24-jähriger Regisseur dein Alkoholismus vom Staat bezahlt wird. Nichts macht dich mehr krank. Eine Freundin von mir arbeitete in Indien im Goethe-Institut. Die habe ich mal besucht. Die zeigen dann Filme von Wim Wenders. Die Inder lächeln dann höflich-ungläubig. Die können sich nicht vorstellen, dass diese Begräbnisse aus dem Land von BMW und Heidi Klum kommen. Man muss Heidi Klum ja nicht mögen und auch nicht schön finden. Aber sie ist erfolgreich. Film muss nicht gut sein, aber er muss wirken. Er muss dich für zwei Stunden losreißen aus dem Elend. Zwei Stunden Pause von dir selbst. Freiheit bedeutet ja nicht nur, frei zu sein von den Meinungen anderer, sondern auch frei von den eigenen. Das geht nur mit Film, denn nur der hat diesen Voodoo.

tip: Lassen Sie uns über Berlin sprechen. Vor ein paar Jahren sagten Sie in einem Interview, Berlin sei gar nichts. Neowilhelminischer Unsinn. Eine Steinwüste. Was für verwirrte Söhne, verspannte Töchter. Warum drehen Sie nun trotzdem hier?
Lemke: Erst mal glaube ich, dass der Satz mit den Söhnen und Töchtern immer noch stimmt. Aber der ist egal. Berlin ist die einzige Stadt, die tatsächlich ideologiefrei ist. Weder katholisch wie München noch in der calvinistischen Ideologie der Dinge gefangen wie Hamburg. Jeder hier, der nicht ganz doof ist, versucht sich ein Stück Boheme zu erhalten.

Das vollständige Interview lesen Sie tip 15/2011 auf den Seiten 12-15.

Zur Person:
Klaus Lemke ist der Guerillakämpfer unter den deutschen Filmemachern. Drehgenehmigungen, Absperrungen, ausgefeiltes Licht oder mehrere Kameras, auf all das verzichtet der 70-jährige Wahlmünchner. Genauso wie auf Filmförderung. Die lehnt er vehement ab und  fordert bei jeder Gelegenheit deren Abschaffung. Sie tötet seiner Meinung nach die Kreativität. Mit einem Ausstoß von über 30 Filmen – alle ohne ausgearbeitetes Drehbuch und mit Laiendarstellern – kann er über mangelnde Ideen nicht klagen. Lemke wuchs in Düsseldorf auf und studierte Kunstgeschichte und Philosophie, bevor er 1965 seinen ersten Kurzfilm drehte. 2010 erhielt er den Filmpreis der Stadt München.

Mehr über Cookies erfahren