Kino & Stream

Interview mit der Filmemacherin Lenka Ritschny

Hinterm_OstbahnhofDer Ostbahnhof steht für den ehemaligen Hauptbahnhof Ostberlins, für neu entstandene Einkaufsmärkte und mit dem Berghain für lässiges Ausgehen. Wie bist Du darauf gekommen, ausgerechnet die Imbisse vorzustellen?
Lenka Ritschny: Während ich für ein anderes Filmprojekt recherchierte, habe ich viel Zeit am Ostbahnhof verbracht. Mir ist der Platz aufgrund seiner postsozialistischen Atmosphäre aufgefallen. Unwillkürlich musste ich an ähnliche Orte im postsowjetischen Raum denken. Die Imbissbudenbesitzer bestimmen wesentlich diese atmosphärische Nuance des Platzes. Sie scheinen aus einer anderen Zeit zu kommen und bringen mit ihren wenigen Mitteln etwas Besonderes und Eigenartiges an diesen Ort. Gleichzeitig ist dieser Platz für viele Menschen ein Durchgangsort, an dem sie nicht lange bleiben wollen, sondern an dem sie vorbeieilen. Die, die bleiben, sind alt oder arm oder einsam oder alles zusammen. Die Imbissbudenbesitzer bekommen diese Widersprüche direkt zu spüren. Mich interessieren Geschichten, die aus Widersprüchen entstehen.
 
Konntest Du die Protagonisten rasch für das Projekt begeistern?
Ich habe mir den Platz über den Zeitraum von einem Jahr immer mal wieder angeschaut, um zu begreifen, was mich fasziniert und ob dies tragfähig ist, um daraus einen Film zu machen. Dann ging es schneller: Die konkrete Recherche hat als Gespräch mit den Protagonisten einige Tage gedauert. Ich habe dabei sofort die Kamera eingesetzt und bin dann nach ein paar Monaten für eine zweite Drehphase wiedergekommen.

Die Biografien, gerade wenn man an den Ingenieur aus Riga denkt, scheinen gebrochen. So ein bisschen spiegelt sich in Ihnen die Ambivalenz des Ortes zwischen Galeria Kaufhof und Ostbahnhof…
Ja, es gibt eine Parallele zwischen den Biografien und der Geschichte des Ortes, die sich bei dem Ingenieur aus Riga am deutlichsten zeigt: Es gab eine Vergangenheit, die sich besser anfühlt als die Gegenwart und Zukunft. Der Bahnhof war mal Hauptbahnhof und auf dem Platz war viel los. Jetzt ist es nur noch eine Überlebenschance. Sowohl der Ort, als auch die Biografien der Imbissbudenbesitzer, werden wesentlich durch die Art und Weise strukturiert, wie unsere Ökonomie organisiert ist. Auf die Härten reagieren die Protagonisten unterschiedlich: mit Durchhalteparolen, Resignation und Humor und mit überschwänglichen Phantasien.

Wie setzen sich die Besucher der Imbissstände zusammen?
Die Stammgäste wohnen in den angrenzenden Wohnblocks und sind älter, oft einsam und haben wenig Geld. Für Viele von ihnen stellt der Platz ein erweitertes Wohnzimmer dar.Gleichzeitig kommt zur Mittagszeit Kundschaft aus den anliegenden Büros. Eher selten verirren sich Partygäste zu den Imbissbuden.

Was hat Dich denn im Laufe der Recherchen am meisten überrascht?
Dass die Konfrontation mit der Realität immer härter ist, als man sich das vorher vorstellt, und man das immer wieder vergisst, obwohl man diese Erfahrung schon oft gemacht hat. Genauso überrascht mich immer wieder, dass Leute, die in beschissenen Lebenssituationen stecken, lieber sich selbst oder Andere für die Misere verantwortlich machen, statt die politischen und ökonomischen Verhältnisse zu kritisieren.

Die Narration kommt ohne aktiven Erzähler aus.
Lenka Ritschny: Ich denke, auch Dokumentarfilme können Kino sein – ein cineastisches Erlebnis. Ich lasse die Protagonisten genauso wie die Bilder und den Sound vom Platz interagieren. Das Zusammenspiel leitet die Zuschauerinnen durch den Film. Diese Bewegung braucht keinen aktiven Erzähler.
 
Ein bisschen erinnert diese Art an die Dokfilme von Thomas Heise oder auch Andreas Dresen (z.B. „NVA“)
Ich möchte in meinen Filmen das Verhältnis von Menschen zu gesellschaftlichen Strukturen untersuchen. Darin sehe ich mich auf einer analytischen Ebene in der Tradition von Karl Marx. In der direkten Konfrontation mit Realitäten findet man oft Dinge, Verhältnisse und Menschen, die mit Worten und Argumenten nicht zu beschreiben sind. Hier beginnt das künstlerische Feld, auf dem man mit ästhetischen Mitteln arbeitet und Widersprüche in imaginativer Form in Bewegung setzt.

Interview: Ronald Klein

Mehr über Cookies erfahren