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Interview mit Dietrich Brüggemann

Interview mit Dietrich Brüggemann

Dietrich Brüggemann, geboren 1976, ist vielfach begabt und vielseitig aktiv. Bevor er zum Film kam, war er schon als Musiker tätig. 2014 wurde er mit „Heil“ zum Wettbewerb der ­Berlinale eingeladen. Seine Webseite ­www.d-trick.de verrät, er „hat außerdem keine Ahnung von Fußball, backt selber Brot und fährt Fahrrad, jedoch meist nicht gleichzeitig“

tip Herr Brüggemann, nach Ihrem Drama „Kreuzweg“ hätte man nicht unbedingt mit einem Film wie „Heil“ gerechnet. Vermutlich haben Sie sogar teilweise gleichzeitig an den Projekten gearbeitet? Wie macht man das?
Dietrich Brüggemann?Die Arbeit an ­einem Film ist nun einmal langwierig, deswegen überlappt sich da immer vieles. Ich habe bemerkt, dass es klug ist, sich schon vor den Dreharbeiten zu einem Film den nächsten auszudenken. So auch hier. Die Idee zu „Heil“ hatte ich 2012, anderthalb Jahre vor dem Dreh von „Kreuzweg“.

tip Gab es einen Anstoß für „Heil“?
Dietrich Brüggemann Ein konkreter Anlass ist meist zweitrangig. Der tiefere Grund ist das, was man alles im Kopf hat. Konkreter Anlaß war natürlich der NSU-Komplex. 2011 ist da alles explodiert, das habe ich mit großem Interesse und einigem Stirnrunzeln verfolgt. Dann fand auch der Film „Kriegerin“ große Aufmerksamkeit. All das ließ in mir den Gedanken reifen: Wie wäre es mal mit einer Komödie mit Neonazis? Wobei ­diese Idee keine besondere Schöpfungshöhe beansprucht. Es gab ja auch den englischen Film „Four Lions“, auf den wir uns klar beziehen, nur bei uns ist der komödiantische Fokus ganz weit aufgespannt. Ganz Deutschland, jeder hat irgendeine Verbindung zum Nazitum, in der Negation oder auch in strukturellen ­Dingen oder bloß im Tonfall. Unsere ganze Geschichte läuft auf dieses schwarze Loch zu, kommt mir so vor, und nach diesem Urknall läuft alles wieder auseinander.

tip Der Film beginnt auch mit einer Art Urknall: Drei Bilder zur NS-Zeit, die kaum eine ­Sekunde stehen. Und dann schon das ­Insert: Siebzig Jahre später. Das ist gleich ein starker Gag.
Dietrich Brüggemann Genau, wobei gar nicht so klar ist, was daran so lustig ist. Es ist ja auch grausig. Granaten. Hitler. Leichenberge. Siebzig Jahre später. Jeder hat das parat. Der tödliche Ernst der Vergangenheit unterstreicht noch die Absurdität der Gegenwart. Es ist natürlich auch eine Parodie auf Guido-Knopp-Geschichts-Exploitation.

tip Wie schreibt man so ein ausuferndes Drehbuch, das so viele Richtungen einschlägt?
Dietrich Brüggemann Es ist eine Explosion, die sich organisch entwickelt. Man schaut der Sache schreibend zu. So ein Film macht sich bis zu einem gewissen Grad immer selbst, da sehe ich eine Parallele zum Musikmachen. Ich begleite ja auch Stummfilme und schaue mir die vorher nicht an, da macht die Musik sich auch selbst. ­Filmemachen kann auch so funktionieren. Film ist wie ein lebendes Wesen, die Arbeit ist sozusagen spirituell – aber natürlich muss ich ihn zwischendurch auch intellektuell darauf abklopfen, ob sich noch irgendwo ein Gag versteckt. Und ich muss auf die Kausalketten achten. Jede Kleinigkeit hat Konsequenzen, das schafft beim Zuschauen ein wahnsinnig zufriedenes Gefühl. Man bekommt den Eindruck: Die Welt stimmt.

tip Sie hängt im Innersten durch Ursache und Wirkung zusammen, selbst in einem Film, der als Klamotte gesehen werden kann – eine in Deutschland seltene Form.
Dietrich Brüggemann Es gibt einen kurzen Ausflug in die Militärklamotte, aber der Grundton ist schon ein anderer. Ich bin ja ein Riesenfreund von Slapstick, auch von semantischem Slapstick, wo nicht mit Torten geworfen wird, sondern mit  Ideen, die dann in Teile zerfallen und in Bruchstücken herunterregnen. Die dazugehörigen Säulenheiligen sind Monty Python. Die vier Staffeln ihres „Flying Circus“ sind immer noch bahnbrechend und unerreicht.

tip Bei der Besetzung, angeführt von dem großartig rabiaten Benno Fürmann, gibt es viele Insidergags. Wie kam das?
Dietrich Brüggemann Das hat sich verselbständigt, es wurden ja immer mehr Figuren, über 100 schließlich. Man sagt sich dann irgendwann: Nein, da schrauben wir jetzt nicht zurück, Exzess ist das Prinzip des Films, also streichen wir jetzt auch keine Figuren. Da muss man dann Schauspieler oder auch Nichtschauspieler finden, die keine Angst davor haben, eine Figur ­darzustellen, die nur aus einer einzigen Idee besteht. Alle Polizisten im Film werden ­übrigens von Musikern gespielt, das ist auch so ein Insidergag. Benno Fürmann hat mit seiner Hauptrolle ausreichend Gelegenheit, dem Affen Zucker zu geben. Er weiß aber auch: Alle Komiker müssen das, was sie machen, todernst nehmen. Sie dürfen sich selber nicht lustig benehmen.

tip Nach dem Festivalerfolg von „Kreuzweg“ wendet sich „Heil“ an ein breiteres Publikum. Eine bewusste Strategie?
Dietrich Brüggemann Beides hat seine Richtigkeit. Mit „Kreuzweg“ haben wir uns bewusst für die Kunst entschieden, der gehört für mich in die Forschungsabteilung des Kinos, denn da haben die Festivals sich hinentwickelt. Da hat „Kreuzweg“ für mich eine Menge gebracht. Wenn Filme­machen ein Computerspiel wäre, dann wäre das ein neues Level, das durch so einen Festivalpreis freigeschaltet wird. Bei „Heil“ dachte ich anfangs: Das finanziert dir doch in Deutschland kein Schwein. Der kleine Zensor, den wir alle im Kopf haben, hat gesagt: Das geht nicht. Kannst du vergessen. Als nach „Kreuzweg“ die Stimmung günstig war, haben wir gesagt: Jetzt machen wir das aber schnell, bevor uns einer auf die Schliche kommt.

Interview:
Bert Rebhandl

Foto: Harry Schnitger

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