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Interview mit J.?C. Chandor

Interview mit J.?C. Chandor

J.?C. Chandor kannte die Welt seines ersten Films Der große Crash aus der eigenen Familie. Sein Vater war Investmentbanker. Nach dem großen Erfolg dieser Darstellung der Finanzkrise von 2008 konnte Chandor ein Herzens­projekt realisieren: das Seglerdrama All Is Lost mit Robert Redford. Nach A Most Violent Year wird er nun auf einer Ebene mit Regisseuren wie Sidney Lumet oder Francis Ford Coppola genannt.

tip Herr Chandor, Ihre Projekte sind bisher sehr unterschiedlich: ein Thriller aus der Finanzwelt, ein Mann allein in Seenot, nun ein ungewöhnlicher Gangsterfilm. Gibt es da einen Masterplan dahinter?
J.?C. Chandor?Es gibt keinen Masterplan, aber viele miteinander verwobene Ideen. Für „A Most Violent Year“ trug ich mich lange mit der Idee, von einem Paar zu erzählen, das gemeinsam ein Unternehmen aufzubauen versucht. Wie wirkt sich das auf eine Beziehung aus? Daran hatte ich fünf Jahre gearbeitet. Gleichzeitig hatte ich lange Ideen gesammelt zum Thema Gewalt, und im engeren Sinne Gewalt im Kino. Als diese beiden Stränge zusammenfanden, wurde „A Most Violent Year“ konkret.

tip Der Film spielt 1981 in Brooklyn. Wir sind mitten in der Mythologie von New York, die ja stark durch das Kino geprägt ist.
J.?C. Chandor Das Jahr 1980, also ein Jahr vor meiner Geschichte, ist in der Geschichte der Stadt eben auch dadurch charakterisiert, dass die Statistiken niemals eine höhere Verbrechens­rate aufgewiesen haben. Diese Stimmung wollte ich nachempfinden, zugleich hat mich inte­ressiert, dass dieser Transport­unternehmer Abel Morales ein Mann ist, der es nicht in Manhattan zu etwas bringen möchte, sondern in diesen Milieus der äußeren Boroughs, die fast typischer sind für New York, wie ich finde.

tip Abel Morales ist eine eigentümliche Figur. Er muss sich in einer Welt behaupten, die kriminell geprägt ist. Aber er will das „rechtschaffen“ tun – er sucht nach dem „path that is most right“. Will er die Welt besser machen?
J.?C. Chandor So klar ist das nicht. Sicher gibt es einen ethischen Aspekt in seinem Tun, er würde gern integer bleiben. Aber Oscar Isaac, der sich stark in diese Rolle eingebracht hat, und ich wollten auch zeigen, dass das „Richtige“ viele Facetten hat. Abel handelt im Grunde vor allem pragmatisch. Er hat eine Vision für sein Geschäft, und er hat ein Ziel, und er überlegt sich: Wie komme ich dorthin, ohne mit den Behörden und den Konkurrenten in einen Krieg zu geraten? Er glaubt stark, dass der Verzicht auf Gewalt ihn am weitesten bringt, aber er denkt da ganz praktisch. Es geht in meinem Film sicher auch um die USA und ihr Verhältnis zur Gewalt insgesamt, und um eine Logik der Eskalation, die letztlich immer geschäfts­schädigend ist.

tip Der Film wirkt wie eine kritische Relektüre klassischer Mob-Erzählungen.
J.?C. Chandor In einem klassischen Gangsterfilm kommt im dritten Akt die Rache. Da wird dann abgerechnet, und zwar gewalttätig. Wir müssen wohl einsehen, dass die Leute das wirklich wollen, und zwar gerade, weil sie persönlich meist friedlich sind. Sie lieben diese eskapistische Gewalt in den Filmen. Ich wollte sehen: Kann man ihnen diesen Thrill geben, ohne die Blutlust zu befriedigen? Ohne diese einfache Erleichterung am Ende? Auch in meinem Film gibt es einen Showdown, aber er hat einen anderen Charakter. Ich hoffe, dass das Pu­bli­kum da mitgeht.

tip Warum ist die Hauptfigur ein hispanischer Amerikaner?
J.?C. Chandor Er repräsentiert die letzte und größte Einwanderungswelle in die USA. In den letzten 30, 40 Jahren wurden die Hispanics zur am schnellsten wachsenden Bevölkerungs­gruppe. Im Kino zeigt man uns diese Männer entweder als extrem fleißige, brave Ernährer ihrer Familien oder als sehr gewalttätige Banden­mitglieder. Dazwischen gibt es nichts. Mir ging es um eine ehrliche Darstellung dessen, was die meisten Hispanics in Amerika tun: nämlich sich Mühe zu geben und etwas zuwege zu bringen.

tip War Oscar Isaac erste Wahl für die Rolle?
J.?C. Chandor Ich dachte ursprünglich an ein paar andere, ältere, ein wenig etabliertere Schauspieler, zum Beispiel flirtete ich ein wenig mit der Idee, Javier Bardem könnte Oscar spielen. Jessica Chastain war schon besetzt, und sie erzählte von Oscar, mit dem sie die Juilliard-Schauspielschule besucht hatte. „Inside Llewyn­ Davis“ war damals noch nicht draußen, ich traf ihn und war mir da sofort sicher, dass das passen würde.

tip Er ist relativ jung, was diese Figur noch viel interessanter macht.
J.?C. Chandor Das war wirklich wichtig, denn dadurch ist auch die Paarbeziehung ausgeglichener. Jessica spielt diese typische Gangster­gattin, die ihrem Mann den Rücken freihält, aber am Ende sind ihre Handlungen viel weniger dem Klischee verpflichtet. Oscar wiederum war richtig hinter dieser Rolle her, und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

tip Besonders beeindruckend fand ich den Rhythmus der Erzählung. Nicht viele Regisseure können das: das Tempo variieren. Kommt das bei Ihnen intuitiv oder steckt da viel Überlegung dahinter?
J.?C. Chandor Beides. Ich bin mir dessen völlig bewusst, und doch macht man das intuitiv. Das Pacing, also das Erzähl­tempo, ist entscheidend für Filme. Man baut Spannung auf, man verwandelt die Stimmung, man erhöht allmählich den Einsatz – das ist ganz zentral für meine Arbeit. Ich lerne da ständig dazu, ganz genau weiß ich auch nicht, warum etwas funktioniert. Ich denke, ich suche einfach die natürliche Bewegung der Geschichte.

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Interview: Bert Rebhandl

Foto: Gerhard Kassner / Berlinale

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