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Interview mit Jörg Buttgereit – Teil 1

Interview mit Jörg Buttgereit

tip Jörg Buttgereit, welchen Film hast Du dir zuletzt angeschaut?
Jörg Buttgereit Gestern Abend habe ich auf Blu-ray „Runaway – Spinnen des Todes“ gesehen. Mit Tom Selleck und Gene Simmons von KISS. Der Film ist von 1984, ich hab den damals immer verpasst oder gemieden, weil mir Tom Selleck nicht innovativ genug schien. Zu der Zeit habe ich ja schon selbst gedreht, einige meiner Kurzfilme waren da schon draußen und die waren dagegen mächtig Punkrock. Und Gene Simmons war zu der Zeit auch nicht auf der Höhe seiner Zeit, ich bin zwar bis heute großer KISS-Fan, aber da haben die nur schlechte Alben gemacht und sich auch entschminkt, was ich eine große Sünde fand. Deshalb habe ich ihn damals nicht gesehen.

tip Nach 30 Jahren endlich nachgeholt. Hat es sich gelohnt?
Jörg Buttgereit Ich war schockiert, denn der Film ist richtig scheußlich, aber im positiven Sinn, weil er alles vereint, was die 80er-Jahre so unerträglich gemacht hat. Das fängt schon mit dem Soundtrack von Jerry Goldsmith an, der auch die Musik zu „Alien“ komponiert hat. Und bei „Runaway – Spinnen des Todes“ fängt der da an auf einem Synthesizer rumzurühren. Ganz schrecklich! Dass dieser Filmmusikgigant so eine Synthiesoße machen kann, hätte ich nie gedacht.

tip Erinnerst Du dich noch daran, wie deine Leidenschaft für Filme begann?
Jörg Buttgereit Tatsächlich hier in Schöneberg, in den Bezirkskinos. Es gab das „Sylvia“, was jetzt das „Odeon“ ist, das „Kolonna“ was jetzt das „Xenon“ ist und das „Forum“ was jetzt Aldi ist, in der Kaiser-Wilhelm-Passage. Da gab es Jugendvorstellungen bei denen fast ausnahmslos Horror- und Monsterfilme liefen. Das ging bei mir schon mit vier, fünf Jahren los.

tip Du bis 1963 geboren, wir sprechen also von den späten 60er-Jahren.
Jörg Buttgereit Genau. Mein Vater musste anfangs mit, damit ich überhaupt reinkam. Die Vorstellungen waren am Wochenende und sehr billig. Das Programm bestand aus dem Ausschuss der großen Studios. Abgenudelte Filme, die die Verleiher billig rausgegeben haben. Japanische Godzillafilme, Universal Frankenstein-Filme, Hammer-Horror mit Christopher Lee. Das waren die einzigen Filme, die ich kannte und mir war lange Zeit nicht bewusst, dass es überhaupt Filme ohne Monster gibt.

tip Waren Film und Kino auch eine Art Realitätsflucht für dich?
Jörg Buttgereit Ich hatte eigentlich eine sehr spannende Kindheit. Hier in Schöneberg gab es dieses stillgelegte S-Bahn-Gelände an der Langenscheidtbrücke, wo ich aufgewachsen bin. Da habe ich immer gespielt und hatte das ganze Bahngelände für mich und meine Sandkastenkumpels. Wir haben Baumhäuser gebaut, Lagerfeuer gemacht und die Monsterfilme nachgespielt, die wir aus dem Kino kannten und später auch nachgedreht.

tip Und wie war es in der Schule?
Jörg Buttgereit Die Schule habe ich immer so gehandhabt, als würde ich mich dort mit meinen Freunden treffen, die Pausen waren wichtig. Dass auch Unterricht stattfand, haben wir immer so nebenbei mitbekommen. Meine Noten waren immer so zwischen 3 und 4, nur in Deutsch hatte ich eine 2, dafür in Mathe eine 5. Für meine Eltern war das scheinbar in Ordnung, sie waren beide berufstätig und da auch nicht so hinterher. Meine Großmutter hat mich mittags bekocht, ich war eigentlich recht behütet und hatte immer das Gefühl, dass ich das machen kann was ich will.

tip Wie hast Du angefangen, selbst Filme zu drehen?
Jörg Buttgereit Ich hatte angefangen, mir die frühen Godzilla-Filme, Bruce Lee aber auch Sachen wie „Der Exorzist“ auf Super-8 zu wünschen. Das waren gekürzte Fassungen, die waren unheimlich teuer, aber der einzige Weg, diese Filme zuhause zu sehen. Und als Folge davon wünschte ich mir eine Super-8-Kamera. Deshalb habe ich mich auch zielgerichtet konfirmieren lassen, um die Ausrüstung zu bekommen. Die bekam ich auch, und am nächsten Tag begann meine Filmkarriere. Da war ich 13 oder 14 und habe sofort angefangen zu drehen, mit meinen Kumpels sind die ersten Kurzfilme entstanden.

Jörg Buttgereit, West-Berlin in den 80er-Jahren

tip Die schon bald sehr hart, künstlerisch und avantgardistisch wurden aber auch recht lustig.
Jörg Buttgereit Das kam aus dem Punk-Spirit heraus. Alle meine Freunde wurden Ende der 1970er Musiker und es war ganz selbstverständlich, dass ich auch was machen musste, weil sich zu der Zeit jeder künstlerisch ausprobiert hat. Ich machte zu der Zeit eine Ausbildung zum Schau-Werbegestalter bei Wertheim in Steglitz. Dekorateur würde man heute sagen. Dort lernte man auch Siebdruck und ich war in der Tischlerei, hatte also schon was mitbekommen. In der Berufsschule war ich mit Leuten wie Ades Zabel von Teufelsberg Productions und Bela B., der später die Ärzte gegründet hat, in einer Klasse. Mit denen habe ich also Filme gedreht. Bela, der noch Dirk hieß, war auch KISS-Fan, und er mochte die gleichen Filme wie ich. Das war der Grundstock.

tip Wie haben Punk und Horror zusammengepasst?
Jörg Buttgereit Beide Genres waren in gewisser Weise gesellschaftlich geächtet. Zu Anfang der Punk-Zeit liefen auch die härteren Horror-Sachen nur abends im Kino und da ist man auch nicht reingekommen. Ich bin auch nicht in „Der weiße Hai“ reingekommen, weil ich zu jung war. Das setzte sich mit den amerikanischen Splatter-Filmen fort, die kamen bei uns nur extrem verstümmelt an. Das war Zensur, und es war für mich genauso politisch und links-revolutionär, diese Filme sehen zu wollen wie gegen die Industrie Musik zu machen und nur beim Zensor Schallplatten zu kaufen. Weil das eben der politisch korrekte Plattenladen war, in dem es die ganzen selbstproduzierten Sachen gab.

Blutige Exzesse im Führerbunkertip Ein gemeinsamer subkultureller Ethos sozusagen?
Jörg Buttgereit Das ging beides zusammen. Ich habe dann auch angefangen in der berüchtigten Absturzkneipe Risiko, wo Chris Huth, Blixa Bargeld und Maria Zastrow am Tresen standen, meine alten Horrorfilme auf Super-8 vorzuführen und später auch eigene Sachen zu zeigen. 1982 war dort die Premiere von „Blutige Exzesse im Führerbunker“,  und als ich „Mein Pappi“ gezeigt habe, sagte mir Blixa, das wäre mein bester Film und füllte mich mit Wodka ab. Das war sozusagen mein Honorar.

tip Blixa Bargeld und das Risiko stehen für die 1980er-Jahre, West-Berlin und die Ära der Genialen Dilettanten. Hast Du dich diesem künstlerischen Underground zugehörig gefühlt?
Jörg Buttgereit Das war tatsächlich das West-Berliner Verständnis von Punk. Wenn im SO36 Exploited oder so gespielt haben, dann hat man sich darüber lustig gemacht, dass da so alte Männer mit Irokesen rumlaufen. Uns war es nicht künstlerisch genug, obwohl es bei Exploited schon stimmig war, weil die diesen Working-Class-Hintergrund hatten. Mit Manfred Jelinski habe ich von 1982 bis 1984 den Film „So war das SO36“ gemacht, und auch da war es so, dass man Leute wie die Betoncombo aus Britz eher belächelt hat. Im Umfeld der Genialen Dilettanten kannte ich einfach mehr Leute.

tip Wolfgang Müller von der Tödlichen Doris hat auch in deinen Filmen mitgespielt.
Jörg Buttgereit Stimmt und Müllers Buch „Geniale Dilettanten“, das damals im Merve Verlag herausgekommen ist, habe ich im Risiko am Erscheinungstag gekauft. Für mich gab es da keinen Widerspruch, ich bin zwar mit KISS und Monsterfilmen aufgewachsen und habe ein Herz für die Trivialitäten aber den Leuten im Risiko habe ich immer erklärt, dass Godzilla etwas mit Kunst zu tun hat und nicht mit Trash. Alle um mich herum haben sich vornehmlich mit Musik beschäftigt und da gab es ja auch diese Schnittmenge, dass Bands wie Throbbing Gristle oder SPK bei ihren Konzerten im SO36 etwa Filme gezeigt haben.

tip Die aber nicht Du projiziert hast?
Jörg Buttgereit Nein, Throbbing Gristle hatten ihren eigenen 16mm-Projektor dabei und ließen einen Film über eine Kastration laufen. SPK zeigten selbstgedrehte Super-8-Filme aus Leichenschauhäusern. Diese Idee von früher Industrial-Musik kombiniert mit harten Bildern war völlig normal in diesem Kontext.

tip In New York entstand zu jener Zeit das Cinema of Transgression, eine ähnliche Entwicklung, bei der drastische Filmbilder und Musik-Underground aufeinander trafen. Gab es für dich dazu Bezüge?
Jörg Buttgereit Im Grunde war das was wir gemacht haben, die Berliner Variante davon. Richard Kern war auch schon früh bei der Berlinale, später im Eiszeit Kino, wo ich ihm auch begegnet bin. Seine Filme haben mich sehr beeindruckt. Da dachte ich, dass er das, was ich mit meinen Kumpels versuchte und was immer in Parodien ausartete, schon richtig ernst hinkriegte.

tip Wo hast Du deine Filme gezeigt, außer im Risiko?
Jörg Buttgereit Im SO36 manchmal, etwa an dem „Weihnachten mit Heino“-Abend, den Norbert Hähnel veranstaltet hat. Da liefen meine Filme zwischen den Bands. Das war für mich als Filmemacher aber eher frustrierend, weil das Publikum sich nicht die Zeit für sie nahm. Es gab aber auch in einigen Hinterhöfen, etwa hier in der Crellestraße in Schöneberg, Fabriketagen mit improvisierten Super-8-Kinos, wo auch Festivals stattfanden. Und in Kreuzberg liefen meine Sachen zum Beispiel im Frontkino. In dem Umfeld hat auch die Produktionsfirma Gegenlicht und das Interfilm-Kurzfilmfestival angefangen.

Lesen Sie auch den zweiten Teil des Interviews mit Jörg Buttgereit, dort geht es unter anderem um „Nekromantik“, seine Rolle als Filmkritiker, Hörspielmacher und Theaterregisseur, außerdem „Captain Berlin“ und die Frage warum aus ihm kein deutscher Dario Argento geworden ist.

Interview: Jacek Slaski

Fotos: Archiv Caspary Liebing, Martin Schmitz Verlag

 

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