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Interview mit Jörg Buttgereit – Teil 2

Jörg Buttgereits tip 1987 erschien „Nekromantik“, vermutlich Dein bekanntester und skandalträchtigster Film, und der erste wirklich lange. Davor hast Du Kurzfilme gemacht. War die Geschichte des nekrophilen Robert und dessen Freundin Betty ein Wendepunkt in deiner künstlerischen Karriere?
Jörg Buttgereit Die Kinos wurden größer und damit auch die Zuschauerzahlen. Im Sputnik Wedding waren plötzlich 500 Leute bei der Premiere. 1985 hatte ich dort schon „Hot Love“ gezeigt, der eine Skizze zu „Nekromantik“ ist, und da kamen auch schon 300 Leute hin.

tip Dann hast Du weitere Langfilme gedreht, „Der Todesking“ (1989), „Nekromantik 2“ (1991) und „Schramm“ (1993). Als Horrorregisseur bist Du aber immer im subkulturellen Underground geblieben.
Jörg Buttgereit Wir haben die ganze Sache insoweit professionalisiert, dass wir einen Do-It-Yourself-Videovertrieb gegründet haben und die VHS-Kassetten zu 99 DM das Stück verkauften. Das hat funktioniert und so konnten wir einen Film refinanzieren, und dann den nächsten drehen.

tip Gab es keine Möglichkeit in Deutschland zumindest auf einem Level zu arbeiten wie etwa in Italien, Spanien, Japan oder den USA, wo die Horror- und Splatter-Szenen größer sind?
Jörg Buttgereit Ich habe tatsächlich erst einmal versucht, an die DFFB zu kommen, wurde aber nie genommen. Später haben sie mich als Dozenten eingestellt, das fand ich lustig und habe es gemacht. Aber Professionalisieren und fürs Fernsehen oder reguläre Produktionsfirmen zu arbeiten, wäre einem Verrat gleichgekommen. Ich nehme diese Independent-Haltung bis heute ernst. In Deutschland hätte ich, so wie ich gearbeitet habe, jedenfalls nicht regulär arbeiten können. Im Ausland ist es übrigens auch nicht so
einfach, auch nicht in den USA. Man gerät schnell an Grenzen, an Tabus und an Gesetze. Meine Filme waren schließlich auch lange verboten.

tip Aus Jörg Buttgereit konnte also kein deutscher Dario Argento werden?
Jörg Buttgereit Es gibt hier kein Backing für diese Art von Kultur. Wir haben es vor Kurzem wieder versucht und den Episodenfilm „German Angst“ gemacht. Ohne Fördergeld, sondern über Crowdfunding. Dabei merkten wir, dass es total schwierig ist und der Markt dafür fehlt. Und wenn man solche Stoffe etwa Arte anbietet, dann rollen die Redakteure mit den Augen, weil es ihnen zu hart ist. Mich fragen ja auch Leute, warum ich so etwas immer noch mache, ob ich da nicht zu alt für wäre… Die verstehen das nicht. Horrorfilme, vor allem amerikanische, gehören heute zwar zum Mainstream, aber das ist immer sehr viel Arbeit, Zeit und Geld von Fans und Enthusiasten gewesen, dass man die Filme vom Index holt und sie regulär im Kino oder im Fernsehen laufen können. Ich habe selbst zwei Jahre vor Gericht gebraucht, damit „Nekromantik 2“ frei und zur Kunst erklärt wird. Man muss mit dem Kopf durch die Wand.

tip Diese Strategie hat sich gelohnt, mittlerweile bist Du als Künstler anerkannt. Das kann man schon sagen, oder?
Jörg Buttgereit Es passiert jetzt mehr. „Nekromantik“ lief neulich in Los Angeles in der American Cinematheque und mein Theaterstück „Captain Berlin vs. Hitler“ wurde vom Goethe Institut in Italien vorgestellt, als neue deutsche Kultur oder so. Mit dem Goethe Institut war ich auch in Dänemark.

tip Du hast dich seit den 1990er-Jahren auch als Filmkritiker betätigt. War das Schreiben über Filme eine Notwendigkeit, weil deine eigenen Produktionen nicht genug eingebracht haben?
Jörg Buttgereit Vom filmjournalistischen Schreiben kann man auch nicht leben, wie ich schnell feststellen durfte. Tatsächlich war aber Mitte der 1990er, also nach „Schramm“ und als „Nekromantik 2“ zur Kunst erklärt wurde, die Mission erst einmal erfüllt und ich habe versucht, professionell zu arbeiten. Ich habe Second-Unit-Regie für „Kondom des Grauens“ gemacht, konnte endlich meine Leute von früher, die ich ins Team geholt habe, bezahlen. Und in Kanada habe ich an einer Science-Fiction-Serie mitgearbeitet. Da habe ich plötzlich Geld verdient, mich aber künstlerisch absolut unterfordert gefühlt. Ich war richtig frustriert.

tip Und da war dann Schreiben die Rettung?
Jörg Buttgereit Das fing tatsächlich mit dem tip an. Mich hat 1996 die damalige tip-Filmredakteurin Katja Nicodemus angerufen, die heute bei der „Zeit“ ist, und wollte eine Kritik von „Scream“ haben. Das war meine erste Filmkritik. Das habe ich dann regelmäßig gemacht. Wohlgemerkt auf Schreibmaschine und die Texte musste irgendein armer Praktikant abtippen. Für mich war das schmeichelhaft, dass jemand geglaubt hat, ich könne einen Beitrag leisten, der ein breiteres Publikum interessieren könnte und nicht nur Horror-Fans.

tip In dem neuen Buch „Besonders wertlos“ (Martin-Schmitz-Verlag) ist jetzt eine Auswahl deiner Texte versammelt. Leider wenige aus dem tip.
Jörg Buttgereit Darin sind die ersten 50 Kolumnen, die ich für das österreichische Filmmagazin „Ray“ geschrieben habe und der Anhang sind längere Texte für epd. Und ein Text aus dem tip, und zwar das Porträt von Udo Kier, das im Zusammenhang mit „Iron Sky“ erschienen ist.

tip Konntest Du mit den Kritiken deine Faszination für das Genre in die Mitte der Gesellschaft tragen?
Jörg Buttgereit Es gab schon diesen leichten missionarischen Impuls, den ich ja bis heute verfolge, wenn ich etwa am Theater oder fürs Radio arbeite. Der Trivialkultur bzw. der „bösen Kultur“, einen anderen Stellenwert zuzuordnen, mit ihr seriöser umzugehen und zu sagen, dass sie genauso viel Berechtigung hat, wie irgendein schräger Godard-Film. Dann kam ein Anruf vom WDR und die Frage, ob ich ein Hörspiel für sie schreiben will. Das habe ich gemacht, aber auch gleich eingefordert, dass ich Regie führe. Ich wollte die Kontrolle über das Werk nicht verlieren.

tip So begann eine neue Etappe in deiner Karriere, Du wurdest Hörspiel-Macher. War es schwierig, plötzlich auf die visuelle Ebene zu verzichten?
Jörg Buttgereit Das war toll und ich habe dabei gelernt, mit richtigen Schauspielern zu arbeiten und vor allem Dialoge zu schreiben. Das habe ich vorher ja nie gemacht. Die erste Produktion hieß „Sexy Sushi“ und es ging um einen Kerl, der eine Japanerin in einer Kiste gefangen hält und foltert. Plötzlich konnte ich viele Sachen verwirklichen, die ich im Film niemals finanziert gekriegt hätte.

tip Und offensichtlich gab es auch keine Zensur.
Jörg Buttgereit Überhaupt nicht, weil eben die visuelle Ebene nicht da war, konnte ich machen, was ich wollte. Außerdem spielte romantische Verklärung eine Rolle, weil ich als Kind meine Hörspielplatten hatte. „Perry Rhodan“ und „Hui Buh – Das Schlossgespenst“ und da kam für mich auch viel von dieser Kultur mit hinein. Mittlerweile habe ich 12 oder 13 Hörspiele geschrieben, da verdiene ich nicht nur richtiges Geld, es gibt sogar Wiederholungshonorare! Darüber habe ich auch angefangen, Dokumentarfilme und Bücher zu machen.

tip Los ging es mit „Monster aus Japan greifen an. Godzilla, Gamera und Co“, dein Buch über japanische Monsterfilme.
Jörg Buttgereit 1997 bin ich nach Japan geflogen und habe dort die ganzen Leute getroffen, die früher in den Godzilla-Kostümen gesteckt haben und habe darüber für den WDR eine Doku gemacht. Diese Recherchen habe ich auch für die Bücher
ausgewertet. Damit wurde ich landesweit zum Experten auf diesem Gebiet. Das ging dann soweit, dass, als 2011 Fukushima passierte, ich einen Anruf von der „Zeit“ bekam, um für sie über die Katastrophenbilder aus japanischen Monsterfilmen zu schreiben, im Hinblick auf die reale Katastrophe, die sich dort ereignet hat. Damit bin ich den Weg durch die Institutionen gegangen, denn ich mache eigentlich immer noch das, was ich früher im Risiko gemacht habe, nur das ich jetzt eine größere Bühne dafür bekomme, dafür besser bezahlt werde und es viel mehr Leute mitbekommen.

tip Auch im Theater. Neben Radio-Features und Dokus arbeitest Du seit 2005 am Theater. Angefangen hat es mit dem Ramones-Musical „Gabba Gabba Hey!“ hier in Berlin.  Zuletzt war im Oktober die Premiere von „Besessen“ am Theater Dortmund.
Jörg Buttgereit Die Theaterarbeit ist tatsächlich meinem langen Beharren geschuldet. Denn Leute, die früher meine Filme gesehen haben, sind heute in Positionen, dass sie mich engagieren können. Die Intendanten und Kuratoren kennen den „Todesking“ oder „Nekromantik“ und denken sich, mit dem würde ich gerne mal arbeiten. Der Mut zahlt sich aus, denn meine Stücke sind zu 100% ausverkauft. Am Theater geht ja alles und da wird auch nicht zensiert, weil es ja von vornherein Kunst ist.

tip Es gibt wirklich gar keine Probleme?
Jörg Buttgereit In Dortmund hat sich die „Bild“ etwas künstlich darüber echauffiert, ob es denn sein muss, dass auf der Bühne live eine Geburt zu sehen ist. Das Stück „Besessen“ basiert auf meiner eigenen Besessenheit den Film „Der Exorzist“ als zehnjähriger sehen zu wollen. Es geht ums Besessensein von Nerdkultur und um Teufelsaustreibungen. Das Tolle dabei ist, dass ich dort solche Themen vermitteln kann und zwar Leuten, die sich sonst vielleicht nie Horror-Filme anschauen. Das funktioniert aber in beide Richtungen, denn zugleich gibt es auch meine alten Fans, die vielleicht nie ins Theater gehen, sich aber jetzt dort hinbegeben müssen, weil ich ja keine Filme mehr mache.

tip Jetzt müssen wir noch kurz über „Captain Berlin“ sprechen.
Jörg Buttgereit Das Thema „Captain Berlin“ begleitet mich schon sehr lange. 1982 ging es mit Super-8-Kurzfilmen los, 2008 dem Theaterstück „Captain Berlin vs. Hitler“, das hier in Berlin am HAU lief, es war zwischendurch auch ein Hörspiel und mittlerweile ist es ein Superhelden-Comic. Alles was ich mache, habe ich mit „Captain Berlin“ durchexerziert.

tip Was steht hinter dem Konzept?
Jörg Buttgereit Dahinter steht eine Problematik, die mich, da ich ja mit Superhelden wie „Captain America“ aufgewachsen bin, immer etwas neidisch gemacht hat. Dass es in Deutschland eigentlich nie dazu reichen konnte, dass wir uns selbst einen Superhelden leisten. Das wollte ich anfangs in den Filmen auf die Schippe nehmen. Im Theaterstück und im Hörspiel habe ich es immer weiter getrieben, und dass die Sache jetzt im Comic ankommt, ist natürlich total befriedigend, denn da gehört das Ganze hin. Heft Nummer vier ist gerade erschienen und die Nummer fünf ist in Planung, das wird dann „Captain Berlin in Nordkorea“. Das wird der totale Hammer!

tip Was kommt als Nächstes von Jörg Buttgereit, gibt es schon Pläne?
Jörg Buttgereit Außer dem Comic, vielleicht ein neues Hörspiel. Genau kann ich es nicht sagen. Ich habe aber dieses Jahr so viel gearbeitet, dass ich auch ganz
gern mal ein Jahr nichts machen würde.

Interview: Jacek Slaski

Fotos: Archiv Caspary Liebing, Martin Schmitz Verlag

Besonders Wertlos Martin Schmitz Verlag, 200 S., 17,80 Euro

Buchpremiere: ?Jörg Buttgereit liest in der Buchhandlung Montag, Pappelallee 25, ?Prenzlauer Berg, Do 26.11., 20 Uhr

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