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Interview mit Lars von Trier zu „Antichrist“ – Teil 2

Antichristtip Können Sie einen Film wie diesen als Therapie nutzen?
von Trier Die reine Arbeit ist eine Therapie, die Ängste als Thema waren nur da, weil es am einfachsten zu schreiben war. Ich glaube nicht, dass mich der Gegenstand gesund machen könnte. Dann wäre ich sehr gesund nach so vielen Filmen. Keiner davon hilft mir, aber die Arbeit hilft.

tip Warum haben Sie die genitale Selbstverstümmelung der Frau so deutlich gezeigt, und nicht die Kas­tration des Mannes, die im Off passiert?
von Trier Ich habe nicht darüber nachgedacht.

tip Das kann ich nicht glauben.
von Trier Ich habe nicht darüber nachgedacht. Ich dachte, es wäre in­teressanter, den Effekt der Kas­tra­tion zu sehen, was tatsächlich eine Hommage an Scorseses „Mean Streets“ und Harvey Keitels Traum­erzählung darin ist: „I come blood“. Das ist das, was man im Film sieht. Sie wollten eine Großaufnahme sehen, wie die Hoden des Mannes zer­schmettert werden?

tip Ich hatte das Gefühl, Sie verschonen den Mann an diesem Punkt. Und Sie sind ein männlicher Regisseur.
von Trier (lacht) Vielleicht, ja. Es ist interessant. Sie glauben mir nicht, wenn ich sage, ich hätte nicht darüber nachgedacht. Ich wollte keine Parallele zu ihr. In ihrem Fall ist es eine Selbstverstümmelung. Sie macht etwas, das ich so gerne im Film zu zeigen scheine. Aber ich versuche wirklich ehrlich zu sein mit diesen
Dingen. Ich glaube, eine Stärke des Films ist, dass ich ihn so schnell gemacht habe, und dann war das einfach da. Das Hindernis war, dass ich einfach etwas machen musste, und das Einfachste in diesem Augenblick war dieser Film.

tip Und doch wirkt das manchmal gut vorbereitet. Als Sie zwölf waren, hat Ihnen Ihr Onkel einen Projektor und zwei Filmrollen geschenkt: Die eine war die Gerichtsszene aus Dreyers „Jeanne d’Arc“, die andere ein Naturfilm.
von Trier Ja, Käfer.

Antichrist
tip
Und in „Antichrist“ kommen die beiden wieder zusammen.
von Trier Ja, zusammen. Aber ich habe überhaupt das Gefühl, dass die Szenen und Bilder und vieles mehr für diesen Film aus meiner Kindheit kommen.

tip Sie haben auch die Musik für „Antichrist“ mitkomponiert.
von Trier Ja, die Regel war, dass wir jeden Tag einen neuen Sound machen, aber dass er nur von Quellen aus der Natur stammen dürfe, Holz oder Steine.

tip Sie beschäftigen sich viel mit Ihrem Garten, aber ich habe nach unserem Gespräch den Verdacht, dass das für Sie auch kein Idyll ist.
von Trier Man denkt, Gärtnern wäre das Erholsamste, was man machen kann. Aber was man wirklich tut: Man ist eine Art Hitler im eigenen Garten. Zuerst räumt man alles weg, dann planzt man Samen, und wann immer ein Halm kommt, entscheidet man, welche Rasse man züchtet. Und wenn etwas wächst, bringt man zuerst die Schwachen um. Und am Ende bringt man alle um. Und isst sie.

Interview: Robert Weixlbaumer
Foto: Christian Geisnaes

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