Kino & Stream

Gespräch mit Lars von Trier zu „Antichrist“

Lars-von-Triertip Herr von Trier, „Antichrist“ hat extremes Kontroverse-Potenzial, nach der Weltpremiere in Cannes hat der Film für Tage die Diskussionen bestimmt. Sie waren bestimmt der meistgehasste Mann an der Croisette.
Lars von Trier Ich finde das ein wenig merkwürdig. Aber für mich ist es auch normal, wenn ich gehasst werde. Und es gibt ja auch Leute, die den Film mögen. Vielleicht waren die Reaktionen so heftig, weil ich die Genres mixe, weil ich Pornografie hineingetan habe. Ich weiß nicht.

tip Sie wissen es nicht? Ich hatte schon den Eindruck, dass in „An­ti­christ“ ein großer Anteil be­wuss­ter Provokation steckt. Das wäre nicht das erste Mal in einem Ihrer Filme.
von Trier Es wäre für mich falsch, die Nacktheit, den Sex und die Gewalt da nicht reinzupacken. Wäre das nicht drin, wäre das für mich wirklich seltsam. Provokation klingt danach, als würde man extra etwas erfinden, mit Absicht, nur deshalb. Ich führe meine Filme, min­destens auf der Ebene der Erzählung, zu ihrem Extrem. Und manchmal liegt darin natürlich eine Provokation. Okay, Sie könnten recht haben. Aber ich will es nicht zugeben.

tip Man hat Ihnen Frauenfeindlichkeit vorgeworfen …
von Trier … aber wenn ich wirklich Frauen hassen würde, aus tiefstem Herzen, dann wäre das doch in Ordnung, oder?

tip Nun …
von Trier Ich habe noch nie einen Mann getroffen, der so Frauen hasst. Das ist so dumm wie Elefanten zu hassen. Man kann Elefanten nicht hassen. Sie können einen bestimmten bösen Elefanten hassen, der hinter ihnen her ist. Aber Sie können nicht alle Elefanten hassen. Das wäre krank. Und ich hasse Frauen nicht. Es wäre genau so dumm, zu sagen: „Ich liebe alle Frauen.“ Es wäre das Gleiche: Sie können einen bestimmten Elefanten lieben oder viele. Aber alle zu lieben wäre leicht übertrieben. In „Antichrist“ werde ich vielleicht nicht dem „Frausein“ gerecht, aber der Figur von Charlotte Gainsbourg. Das ist eine leidende Frau. Wie in allen meinen Filmen. Die haben alle gelitten, wie Sie wissen.

tip Der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit geht einfach ins Leere, wenn man den Film als eine Wanderung durch eine mentale Landschaft ansieht. Man spaziert durch Ihren Kopf, wie mir scheint.
von Trier Oh ja! Aber der Ausgangspunkt war, dass ich eine Doku über den europäischen Urwald gesehen habe. Dass er ein Ort von immensem Schmerz und extremer Konkurrenz zwischen den Arten war. Zugleich ist der Wald diese romantische Ikone. Und auch der Ort, an den ich gehe, wenn ich vollkommen entspannen will. Herauszufinden, dass der Ort so attraktiv ist, weil er zugleich der Ort ist, an dem es das meiste Leid gibt, fand ich interessant.

tip Nun sind Sie kein Naturdokumentarist. Also stelle ich mir vor, dass Sie es interessant fanden, weil Sie es als Metapher für etwas anderes nutzen konnten.
von Trier Ja, was könnte das sein?

tip Es könnte ein Bild sein, wie die Kräfte des Unbewussten arbeiten. Und wenn es stimmt, was man liest, dann fällt das Filmprojekt mit dem Auftreten Ihrer Depression zusammen.
von Trier Oh, das ist leider wahr.

tip Dennoch hatte ich das Gefühl, dass „Antichrist“ eher eine Komödie als eine Tragödie ist, über die Psychomechanik im Kopf eines Therapie-Klienten.
von Trier Wissen Sie, wenn ich einen Tarkowski-Film sehe, habe ich auch eine Menge Theorien darüber, worum es wirklich geht. Aber jedenfalls arbeite ich bei einem Film nicht so. Weil … (Pause) Ich glaube nicht an Symbole.

Lars von Triertip Sie glauben nicht an Symbole?
von Trier Nein. Ich glaube natürlich, dass alles ein Symbol ist, besonders, wenn man Dinge aus der Realität nimmt und sie auf eine ganz einfache Weise präsentiert. Wie: ein Mann und eine Frau an einem Ort namens Eden. Dann geht das schon los.

tip Das ist die Geschichte von „Antichrist“.
von Trier Aber wenn ich das schreibe, dann geht nicht durch meinen Kopf, dass das Adam und Eva sind. Hätte ich es aus dieser Perspektive geschrieben, hätte es weniger Wert. Die Filme, die ich am meisten mag, sind die, die man auf ganz viele Weisen lesen kann. Meine Ausgangsidee war: Ich wollte einen Horrorfilm machen. Aber immer wenn ich ein Genre machen will, wird es nicht wirklich etwas Reines, weil ich mich für andere Sachen zu interessieren beginne. „Dancer In The Dark“ sollte ein Musical werden, aber wurde etwas anderes. „Antichrist“ ist auch nicht wirklich ein Horrorfilm. Für mich geht es darin ganz stark um Ängste, um ihre Ängste und ihre Schuld.

tip Identifizieren Sie sich mehr mit der Frau?
von Trier Ja. Ich teile beim Schreiben meine Persönlichkeit in verschiedene Charaktere auf, jedenfalls bei größeren Sachen, wie „Dog­ville“. Man gibt ihnen ein wenig von sich selbst, um sie lebendig zu machen. Aber in diesem Film ist es eindeutig sie. Sie ist menschlich. Während meine männlichen Protagonisten immer ein wenig dumm sind und naiv und plump. Und sie haben immer eine Theorie übers Leben. Und sie ist immer falsch.

tip In der Vergangenheit haben Sie gerne mit Hindernissen operiert. Die Dogma-Regeln, die „Five Obstructions“, das „Automavision“-System in „The Boss Of It All“. Was war das Hindernis in diesem Film?
von Trier Das Hindernis war ich. Wegen der Depression, die ich habe. Ich bin noch nicht gesund. Und ich war sicher noch nicht gesund, als ich den Film machte. Das Hindernis war schon, physisch präsent sein zu müssen, wenn man den Film dreht, morgens aus dem Bett zu kommen.

tip Das ist tatsächlich gar nicht leicht zu glauben. Sie scheinen in guter Stimmung zu sein, und Sie sind produktiv.
von Trier Na, jetzt gerade nicht. Depression heißt für mich: heulend im Bett zu liegen und drei Tage nicht herauszukommen. Es nimmt einem den Fokus und die Initiative, und die verschwand mit einem Schlag komplett. Ich mache nichts. Ich wandere herum, um zu sehen, ob da irgendwo ein anderer Film ist. Ich habe meine eigene Theorie über die Depression. Ich glaube, dass die Ängste, die ich lange Zeit hatte, an einem bestimmten Punkt zu viel waren, mit jeder Menge Stress und Adrenalin. Und wenn man eine Depression hat, gibt man auf – was ganz schön nett ist. Auf jeden Fall im Vergleich zu Ängsten. Es ist, als ob man eine Maus wäre, und die Katze hat einen geschnappt, und an einem bestimmten Punkt gibt man auf. Das muss ziemlich nett sein.

tip Tatsächlich gibt die depres­sive, vom Tod ihres Kindes schockierte Figur, die Charlotte Gainsbourg in „Antichrist“ spielt, niemals auf.
von Trier Nein, die gibt nie auf. Aber sie hat einen ganz miesen Therapeuten.

tip Können Sie einen Film wie diesen als Therapie nutzen?

zu Seite 2 des Interviews 

Fotos: Christian Geisnaes

Zur „Antichrist“-Rezension mit Filmtrailer und Bildergalerie vom Zentropa-Studiogelände

 

weitere Film-Interviews:

Interview mit Henry Hübchen zu „Whisky mit Wodka“

Mehr über Cookies erfahren