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Interview mit Lea van Acken

Interview mit Lea van Acken

tip Anne Frank liest man häufig schon in der Schule. Kannten Sie das Buch, als es ­darum ging, ob Sie diese Rolle spielen würden?
Lea van Acken Ich kannte den Namen Anne Frank. Ein ­Junge in meiner Klasse hat das Buch früh gelesen und war ganz berührt davon. Er hat davon erzählt. Konkret gelesen habe ich das Tagebuch erst nach der Casting-Anfrage, da ist mir dann erst so richtig klar geworden, wer sie war.

tip Das Thema Holocaust kam aber vermutlich schon in der Schule?
Lea van Acken Immer mal wieder. Es gibt auch ein Bedürfnis, darüber zu reden. In unserer Klasse, aber auch zu Hause.

tip Man ist sich da nie sicher: Kommt das ­Thema zu viel vor oder zu wenig? Wie sieht man das mit 17?
Lea van Acken Ganz unterschiedlich. Ich finde es wichtig, dass der Holocaust in der 12. Klasse noch einmal behandelt wird, weil wir uns dann schon eine eigene Meinung gebildet haben. Jede Generation muss sich auf unterschiedliche Weise damit beschäftigen. Neulich ging mir durch den Kopf: Hey, die Zeitzeugen sterben aus! Das ist ganz wichtig. Denn so ein Thema muss greifbar sein. Der Film hat mir geholfen, dazu einen Bezug zu bekommen: Anne Frank konnte dies nicht tun, und konnte das nicht erleben, und sie ist ganz jung gestorben. Das muss man sich vergegenwärtigen.

tip Wie lief das Casting?
Lea van Acken Ich traf Hans Steinbicher, den Regisseur. Er hat gesagt, dass ich mir keinen Stress machen und einfach spielen soll. Ich musste eine Szene spielen, in der Anne so um den Tisch hopst. Die Arbeit mit Hans war gleich sehr interessant. Im Endeffekt hatte ich drei Castings, immer mit den erwachsenen Schauspielern, nach dem dritten hatte ich die Rolle.

tip Haben Sie dann in der Vorbereitung das Buch mit dem Regisseur gemeinsam genau gelesen? Oder allein in aller Ruhe?
Lea van Acken Ich bekam am 8. August 2014 die Zusage, und am 27. Januar 2015 haben wir angefangen zu drehen. Da war also viel Zeit dazwischen. Viel Zeit für Zweifel. Ich kann mir nicht anmaßen, Anne zu spielen, ihr Schicksal zu verkörpern. Ich hatte so großen Respekt, dass ich das Tagebuch nicht mehr lesen konnte. Die Lösung war, dass ich anfing, ihr Briefe zu schreiben, etwas von mir zu erzählen, und dann konnte ich lesen, und zwar auf das Genaueste. Ich war auch in Amsterdam, der Eindruck dort war allerdings ein bisschen unwirklich, denn es sind keine Möbel mehr da. Da stehen die Menschen zwei Stunden Schlange, dann geht man gemeinsam durch das Hinterhaus, alles ist so klein. Es war gut, dass ich meine Eltern als Stütze dabei hatte, weil es mich schon sehr mitgenommen hat.

tip Inzwischen kann man das Tagebuch von Anne Frank auch unzensiert lesen. Die frühere Ausgabe hat manches unterschlagen, zum Beispiel ihre offene Weise, die erwachende Sexualität zu beschreiben. Hat Ihnen das Scheu gemacht?
Lea van Acken Klar, das waren Dinge, wo ich dachte, wow, so etwas Intimes zu lesen und darzustellen, wie kann ich das? Hans Steinbichler hat mir ­geholfen, mich frei zu machen, das zu spielen. Das macht ihr Tagebuch ja eben auch so greifbar, wie sie ihr Begehren beschreibt.

tip Haben Sie darüber nachgedacht, woher das Schreibtalent von Anne kam?
Lea van Acken Da kann ich nur Hypothesen aufstellen. Sie war sehr weit für ihr Alter, ein Mädchen, das den Erwachsenen fast schon auf deren Ebene begegnen konnte. Sie galt deswegen ja auch als schwierig. In ihrem Schreiben hat sie auch einen Prozess durchlaufen, ihre Gedanken wurden immer tiefgründiger.

tip Man spürt bei der Lektüre auf jeden Fall einen großen Verlust.
Lea van Acken Unglaublich, nicht wahr? Anne wäre so ein weltoffener Mensch gewesen, ich bin sicher, sie hätte alle Kulturen bereist und wahrscheinlich noch ganz wichtige Texte geschrieben.

tip Wie war es am Set? Eine Szene drehen, und dann bleibt jeder für sich?
Lea van Acken Ich bin ein Mensch, der mittendrin sein muss. Hans war die wichtigste Person am Set, weil ich mich bei ihm komplett fallen lassen ­konnte. Er musste mich schließlich nur noch anschauen, und ich wusste schon, was los war. Es gab auch noch eine Betreuerin, mit der konnte ich zwischendurch manchmal einfach Uno spielen. Toll war auch die Energie der anderen Schauspieler. Da kommt der Durst nach dem Erleben voll raus bei mir.

tip In der letzten Szene des Films sieht man Anne in Auschwitz. Die Szene gefällt nicht allen. Wie sehen Sie das?
Lea van Acken Ich finde es wichtig, dass wir die ganze Geschichte erzählen. Es gibt ja vorher noch so schöne Szenen wie das Erdbeeressen. Auschwitz darzustellen ist so schwierig, man kann es eigentlich gar nicht in seiner ganzen Brutalität. Ich glaube, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Die Personen haben immer noch dieses Strahlen, auch wenn man ihnen alles genommen hat. Aber sie ­haben diese Stärke, die von innen kommt.

tip Nun sind Sie bald zurück im Alltag. Wie sieht ein perfekter Tag aus?
Lea van Acken Ein toller Tag ist für mich: an die frische Luft gehen, vielleicht laufen, und später ins Kino. Dann vielleicht noch Freunde treffen. Mir sind Menschen sehr wichtig.

tip Der Berufswunsch steht fest? Schauspielerin?
Lea van Acken Ich bin noch sehr am Werden, aber ich habe unbedingt Lust, mich da noch weiter auszuprobieren. Ein Schauspieler macht ja viele Dinge, die man sonst nicht machen würde. Das wirkt im Moment fast noch zu toll, als dass ich schon ganz daran glauben würde.

Text: Bert Rebhandl

Foto: 2015 Zeitsprung Pictures, AVE & Universal Pictures Productions“

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