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Interview mit Paolo Sorrentino zu „La grande bellezza“

La_Grande_BellezzaHerr Sorrentino, alle Filmkritiken zu „La grande bellezza“ nehmen Bezug auf Fellini, speziell „La dolce vita“. Schwebte Ihnen so etwas wie ein Update dieses Films nach fünf Jahrzehnten vor? Wollten Sie zeigen, dass seine Art der Darstellung, in der der Protagonist auf ein breit gefächertes Panorama von Figuren trifft, auch heute noch ein adäquates Erzählmodell ist?
PAOLO SORRENTINO
Nein, in solch ein Experiment würde ich nie zwei Jahre investieren. Ich wollte einen Film über die Erfahrungen und die Gefühle der Menschen machen: Ein sechzigjähriger Mann blickt auf sein Leben und seinen Beruf zurück. Aber wenn sie von Rom, dem Klerus und einer bestimmten Gesellschaftsschicht erzählen, gibt es natürlich Schnittpunkte mit dem Werk von Fellini, der mich als Regisseur ebenso beeinflusst hat wie Antonioni und Bertolucci. Aber genauso schätze ich Martin Scorsese, Truffauts „Der Mann, der die Frauen liebte“ und Ang Lees „Der Eissturm“.

Dem Film ist ein Zitat von Louis-Ferdinand Cйline aus seinem berühmten Roman „Reise ans Ende der Nacht“ vorangestellt. War das eine Richtschnur für Sie oder haben Sie diese Verbindung erst später entdeckt?
Das stand von Anfang an über dem Film und sollte klarmachen, dass es sich um eine fiktive Welt handelt. Ich wollte nicht, dass der Zuschauer Parallelen zieht zum Alltag, zum wirklichen Leben. Das Publikum soll auf eine pittoreske Reise gehen und dabei etwas erleben.

Der Film besteht aus vielen Episoden. Wie haben Sie das Drehbuch geschrieben? Hatten Sie zuerst einzelne Szenen, die Sie dann in einen Rhythmus, einen narrativen Zusammenhang eingebunden haben? Gab es vielleicht manchmal auch nur Bilder, aus denen Sie eine Szene entwickelt haben? Oder aber sind Sie systematisch von A nach B nach C gegangen?
Alle drei Varianten treffen zu. Wenn ich ein Drehbuch schreibe, gibt es für mich kein Schema.

PaoloSorrentinoZu den vielen Bildern, die im Gedächtnis bleiben, gehört jenes mit den Flamingos, die sich auf der Dachterrasse von Jep
Gambardellas Wohnung niederlassen …

Da sollte man nichts Symbolisches hineininterpretieren. Mein Sohn war damals sehr interessiert an Zugvögeln, wir haben uns viele Bücher dazu gemeinsam angeschaut. So kam ich auf die Idee.

Ihre Inszenierung ist sehr ausgefeilt, etwa im Einsatz von Zeitlupen, der Positionierung der Kamera und der verwendeten Musik. Da Sie teilweise mit Koautoren gearbeitet haben, verwandeln Sie dabei in einem zweiten Schritt das Drehbuch in ein Regiebuch und legen die Auflösung jeder Szene vor Drehbeginn genau fest?
Das ist meine Aufgabe als Regisseur, daran hat sich gegenüber den frühen Filmen auch wenig geändert. Ich überlege mir das alles vorher, habe aber mittlerweile gelernt, am Set zu delegieren und auch dort kreative Entscheidungen zu treffen, Storyboards gibt es nur noch von etwa 30 Prozent des Films.

Ihre Filme sind sehr bildmächtig. Passiert es Ihnen beim Schreiben öfter, dass Sie ein Bild vor Augen haben, für das Sie erst einen narrativen Zusammenhang finden müssen?
Das kommt vor, manchmal habe ich aber auch zuerst den Dialog im Kopf und suche dann die geeigneten Bilder.

Ihren vorangegangenen Film „Cheyenne – This Must Be the Place“ haben Sie in den USA mit amerikanischen Schauspielern gedreht. Wie weit hat die amerikanische Erfahrung einen Einfluss auf „La grande bellezza“ gehabt?
Im Grunde gab es da für mich keine großen Unterschiede in der Arbeitsweise. „Cheyenne“ habe ich nicht zuletzt wegen der Möglichkeit gemacht, mit Sean Penn zu arbeiten. Im Übrigen wurde der Film mit europäischer Finanzierung in den USA gedreht. Das war also kein Hollywood-Film, sondern eine mehr oder weniger unabhängige Produktion, ich habe genauso gearbeitet wie in Italien. Wenn die Schauspieler anfangen zu sprechen, dann ist das wie Musik für mich – egal, ob sie Englisch oder Italienisch sprechen.

Stichwort Schauspieler. Dies ist Ihr vierter Film mit Toni Servillo in der Hauptrolle. Präsentieren Sie ihm ein fertiges Konzept, das er im Detail in Bezug auf seine Darstellung umsetzt oder arbeiten Sie auch gemeinsam an der Ausarbeitung seiner Figur?
Die Figuren werden schon von mir im Drehbuch klar umrissen, natürlich hat jeder Schauspieler die Freiheit, sie zu ergänzen. Toni gehört schon fast zur Familie – aber ohne die Routine, die man damit verbindet.

Es geht im Film, wie schon aus dem Titel ersichtlich, um Schönheit. Was ist Ihre eigene Vorstellung davon?
Die Gefühle, die Bilder, die Geschichten des Lebens, die Hochs und Tiefs, die jeder Mensch durchmacht; kurzum, der Verlauf eines Lebens macht für mich die Schönheit aus – das Leben, wie es ist, durchaus mit allen Brüchen: Einer Tänzerin beim Tanzen zuzusehen, ist schön – aber genauso der Moment, wo sie stürzt.

La_Grande_BellezzaMusik ist für Sie ein nicht unwichtiger Teil der Inszenierung, wobei Sie den Score mit Songs verbinden. In „L’amico di famiglia“ gibt es etwa sehr prominent eingesetzt einen Song von Antony & the Johnsons, in „La grande bellezza“ die A-Capella-Ballade „My Heart’s in the Highlands“. Sind das Titel, die Sie im Kopf haben und beliebig abrufen können?
Ja, wobei die Auswahl der Musik meist schon vor dem Schreiben der Szene entsteht.

2011 haben Sie mit „Hanno tutti ragione“ (dt: „Ragazzi, was habe ich verpasst?“) Ihr Romandebüt veröffentlicht. Dessen Protagonist, der einstige Schlagersänger Tony Pagoda, kehrt nach zwei Jahrzehnten in seine neapolitanische Heimat zurück und fühlt sich dem aktuellen Italien ähnlich entfremdet wie Jep Gambardella in „La grande bellezza“. Handelte es sich dabei um einen Stoff, den Sie nicht als Film sahen? Wie kommt es zu Ihrer Entscheidung für ein bestimmtes Medium?
Ich hatte ein Jahr zur freien Verfügung und beschloss, bevor ich das vergammele, lieber ein Buch zu schreiben. Aber ansonsten bin ich primär Regisseur, denn einen Film zu drehen, ist jedes Mal ein Kraftakt, ich weiß also nicht, wie lange ich das noch machen kann. Wobei: Ob ich ein Drehbuch oder aber einen Roman schreibe, liegt für mich nicht so weit auseinander, das sind für mich verwandte Tätigkeiten.

Nach Ihrer eindringlichen Darstellung von Machtpolitik in „Il divo – Der Göttliche“ ist vermutlich öfter an Sie die Idee heran­getragen worden, einen Film über Silvio Berlusconi zu machen …
Berlusconi ist nicht unbedingt so, wie er scheint. Man reduziert ihn gerne, was bequem ist, auf eine Art Witzfigur und sieht nur bestimmte Aspekte an ihm. Er ist aber schon eine recht komplexe Figur, ein teuflischer Mensch, der aber auch sehr geschickt ist in dem, was er tut. Er ist sehr viel vitaler als der Durchschnittsmensch, und diese Vitalität drückt sich in allen Richtungen aus, im Positiven wie im Negativen, auch in Abstoßendem. Ich habe nicht vor, einen Film über ihn zu machen, denn man sollte nur Filme machen über das, was man liebt im Leben – und dafür liebe ich ihn nicht genügend. 

Interview: Frank Arnold

Fotos: GianniFiorito/DCM

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