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Interview mit Peter Jackson zu „Der Hobbit“

Peter_Jackson_rechts_WarnerBros.Entertainment_inc.andMetro-Goldwyn-Mayer_Pic.Inc.Mr. Jackson, nach den „Herr der Ringe“-Filmen sah es lange so aus, als wollten Sie nie wieder einen Fuß auf Mittelerde setzen. Nun arbeiten Sie mit „Der Hobbit“ an einer weiteren kompletten Trilogie. Woher kam der Sinneswandel?
PETER JACKSON
Eigentlich wollte ich Tolkiens „Hobbit“ nicht selbst verfilmen. Ich war müde von Mittelerde, ich musste als Filmemacher etwas ganz anderes machen, wie „In meinem Himmel“. Aber ganz frei war mein Kopf von der Thematik nicht, denn die ganze Zeit stritten Studios und Erben um die Rechte. Auch ich selbst musste Prozesse um Gewinnbeteiligungen führen. Dementsprechend froh war ich, als Produzent einen Regisseur wie Guillermo del Toro zu finden …
… der in Neuseeland ein Jahr an „Der Hobbit“ arbeitete, bevor er aus Frust das Handtuch schmiss.
Guillermo liebte das Material und quälte sich sehr mit der Entscheidung. Doch niemand hätte ihm zu diesem Zeitpunkt garantieren können, dass der Film wirklich gedreht würde, und länger konnte er seine Karriere nicht mehr für uns einfrieren.

Haben Sie Elemente seines Skripts oder Produktionsdesigns für Ihre „Hobbit“-Adaption übernommen?
Vielleicht unterbewusst, zumal wir ja am Drehbuch immer zusammen gesessen hatten. Aber als endlich alle Finanzierungsprobleme beseitigt waren, habe ich im Grunde wieder ganz von vorne begonnen. Ich wusste, dass wir einen guten Mann mit guten Ideen verloren hatten – aber als ich die Verantwortung für das Projekt übernahm, brannte auch mein Feuer für Mittelerde wieder. Selbst zu inszenieren ist auch eindeutig angenehmer als zu produzieren. Beim Dreh von „Der Hobbit“ habe ich bislang jeden Tag genossen, während mich der Stress ums Budget vorher noch ins Krankenhaus gebracht hatte: Magengeschwür!

Momentan schneiden Sie den zweiten und drehen den dritten „Hobbit“-Teil. Warum braucht die Verfilmung eines Kinderbuches eigentlich drei abendfüllende Spielfilme?
Der Originalroman liefert den narrativen Rahmen der Trilogie, aber beim Schreiben haben wir uns besonders auf die Integration der Anhänge konzentriert, die Tolkien nach der „Herr der Ringe“-Trilogie verfasste. Dieses Material steckt voller faszinierender Geschichten, das ist wie ein Bindeglied zwischen den Büchern, und zusammen mit Fran Walsh und Philippa Boyens füllten wir die Story aus, wo immer es dramaturgisch sinnvoll erschien. Wenn Gandalf zum Beispiel im Buch dreißig, vierzig Seiten lang verschwindet, ist das Loch für den Leser zu verschmerzen – uns aber gibt es einen guten Grund, uns näher mit der Figur und ihren weiteren Abenteuern zu beschäftigen.

Haben Sie dabei die Erwartungshaltungen der „Herr der Ringe“-Fans im Hinterkopf?
Unser Ziel war bestimmt nicht, den Erfolg zu wiederholen oder das „Ringe“-Phänomen auszuschlachten. Diese Geschichte ist vor­-bei – und nun geht es um die Geschichte von Bilbo Beutlin, dessen Hauptdarsteller Martin Freeman übrigens schon von Guillermo del Toro entdeckt wurde. Ich kann Ihnen versprechen, dass die drei neuen Filme sogar mehr Plot und einen schnelleren Rhythmus haben als die „Ringe“-Filme.

Haben Sie darum letzten Sommer beschlossen, drei statt der ursprünglich zwei geplanten Filme zu liefern?
Es war nicht meine persönliche Entscheidung, sondern ein vorsichtiger Vorschlag, dem sich das Warner-Studio glücklicherweise anschloss. An den ersten 200 Drehtagen hatten wir so viel gutes Material gedreht, dass die Geschichten unseren Rahmen zu sprengen drohten. Genau weiß ich noch immer nicht, welche Elemente in welcher Episode zum Tragen kommen. Der Drache etwa, der Bilbo und seinen Gefährten zum Gegner wird, ist zunächst nur im Prolog zu sehen, bevor er seinen schlechten Charakter im zweiten Film entfalten kann. Denn auch wenn das Ganze für mich ein einziger, linearer „Hobbit“-Film ist, besteht die Kunst in der Dosierung.

Der_Hobbit_eine_unerwartete_Reise„Der Hobbit“ wird in ausgewählten Sälen mit einer Technik gezeigt, die 48 statt 24 Einzelbilder pro Sekunde auf die Leinwand wirft. Waren Ihnen Kinofilme bisher nicht scharf genug?
Sie waren nicht richtig scharf, seit sich die Industrie 1927 auf den Standard von 24 Bildern einigte – man wünschte die denkbar langsamste Geschwindigkeit, weil Filmmaterial teuer war und die Tonspur angeglichen werden musste. Daher stammen das Flimmern, leichte Unschärfen und die Lichtreflexe, die wir seit jeher mit dem Kino assoziieren. Tatsächlich sehen wir nur einen Teil des gefilmten Motivs, den Rest verschluckt die Projektion. Mit 48 Bildern pro Sekunde aber wirkt es, als hätte jemand ein Loch in die Rückwand des Kinos gesprengt, durch das man direkt auf die Realität blickt.

Schon wieder eine visuelle Revolution, obwohl sich das Publikum gerade erst an 3D gewöhnt hat?
Wissen Sie, ich muss das Format nicht verteidigen. Jeder wird die Wahrheit bei „Der Hobbit“ selbst sehen können, und ich behaupte, dass es nur eine kurze Gewöhnungsphase braucht. Keine Kopfschmerzen, kein Druck auf den Augen.

Dafür bemängelten Testzuschauer einer Fanmesse in Las Vegas die Hyperrealität der Bilder – vergleichbar mit dem Wechsel von Röhren- zu HD-Fernsehen.
Letztlich bringt jede Veränderung nun einmal gewisse Kontroversen mit sich. Doch als Regisseur will ich den Zuschauer schon immer am liebsten mit einer Geschichte räumlich umschließen. Dafür ist die 48-Frames-Technik ein extrem attraktives neues Werkzeug. James Cameron arbeitet sogar an einer noch höheren Einzelbildrate. Keine Sorge: Ebenso wenig wie beim Wechsel von Schwarzweiß- zu Farbfilm wird nun die ganze Filmwelt das Format umstellen. Aber das Format ist zweifellos eine bedeutende Alternative für Kreative und führt uns in die Zukunft der Unterhaltungsindustrie.

Interview: Roland Huschke
Fotos: James Fisher/2011 New Line Productions Inc., Warner Bros .Entertainment Inc. and Metro-Goldwyn-Mayer_Picture Inc.
Orte und Zeiten: The Hobbit: An Unexpected Journey

The Hobbit: An Unexpected Journey USA/Neuseeland 2012; Regie: Peter Jackson; Darsteller: Ian McKellen (Gandalf), Martin
Freeman (Bilbo), Richard Armitage (Thorin);
Kinostart: 13. Dezember

Jacksons Hobbit
Elf Jahre nach dem letzten „Der Herr der Ringe“-Film strickt Peter Jackson noch einmal an dem Erfolgsstoff weiter, der ihm bereits elf Oscars und den glücklichen Produzenten ein Einspielergebnis von fast drei Milliarden Dollar einbrachte. Aufbauend auf J.R.R. Tolkiens Roman „Der kleine Hobbit“ (1937), der die Vorgeschichte der „Herr der Ringe“-Saga aufblättert, erzählt der Regisseur jetzt eine neue Trilogie – erweitert um Stofffragmente aus weiteren Tolkien-Quellen. Es geht um eine Expedition rachedurstiger Zwergenkönige, einen goldgierigen Drachen und natürlich – den Ring.

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“ im Kino in Berlin

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