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Interview mit Quentin Tarantino zum Start von „Inglourious Basterds“

Quentin Tarantinotip Mr. Tarantino, als Sie in Babelsberg angekommen sind, wollten Sie als Ers-tes das alte Ufa-Büro von Joseph Goebbels sehen.
Quentin Tarantino Ja klar, sicher.

tip Haben Sie den genius loci entdeckt, den Sie gesucht haben?
Tarantino Nein, nicht wirklich. Mein Produktionschef hatte da sein Quartier aufgeschlagen. Wir hatten viele Meetings da, ich habe nichts wirklich Besonderes entdecken können. Es war eine interessante Kuriosität – aber ich habe keinen Geist herumspuken gesehen.

tip Eine Sache, die Sie mit Goebbels gemeinsam haben mögen, wahrscheinlich die einzige, ist der Glaube an die Kraft des Kinos. Im vielleicht schönsten Moment Ihres Films münden alle zitatenreichen Spielereien in ein Bild vollkommener Identität: eine Leinwand, die zu brennen beginnt und für einen Augenblick die Leinwand ausfüllt, auf der man „Inglourious Basterds“ sieht.
Tarantino Die Leinwand in unserem Kino brannte auch tatsächlich. Wir haben sie angezündet! Hahahaha. Nichts davon ist später hineinfabriziert worden. Wir haben das alles mit der Kamera gedreht, ohne digitale Special Effects. Sogar das Gesicht, das auf der Rauchwolke reflektiert wird, haben wir so gedreht. Aber: Etwas, das ich beim Drehbuchschreiben aufregend finde, ist, dass man zwei Sachen zugleich machen kann. Die Idee, dass die Macht des Kinos das Dritte Reich in die Knie zwingen kann. Das ist eine wirklich geile Metapher! Und andererseits:  Das ist überhaupt keine Metapher, das passiert buchstäblich im Film: 35mm-Nitratfilm stürzt das Dritte Reich! Der tatsächlich fassbare Film macht das. Das ist wirklich sehr, sehr aufregend. Einer meiner besseren Heureka-Momente war definitiv: „Oh mein Gott! Der Nitratfilm selbst könnte der Sprengstoff sein!“ Ich war so begeistert.

tip Sie haben sogar einen kleinen Film im Film integriert, der die Gefährlichkeit illustriert.
Tarantino Jajajaja. Eine kleine 30-Sekunden-Doku, um das zu erklären. Das Filmstück darin ist tatsächlich aus Hitchcocks „Sabotage“. Hahaha.

tip Wie groß ist denn die Zahl der Filme, die in „Inglourious Bas­terds“ Eingang gefunden haben? In der feurigen Kinoszene türmen Sie hinter der Leinwand 350 Filme auf, mir kam der Gedanke, dass das Ihre Referenzen sind.
Tarantino Wissen Sie, das wird übertrieben. Sehr oft. Teilweise, weil Kritiker und Filmfans wissen, dass ich nicht nur ein Filmfan, sondern ein Filmexperte bin. Es gibt da also diesen Aspekt, dass Kritiker ihr Wissen mit meinem messen wollen. Mein Film liefert ihnen den Vorwand, mit ihrem Wissen zu prahlen. Und jeder, der Filmwissen hat, liebt nichts mehr, als es zu zeigen. Aber oft genug habe ich bei der Hälfte der Sachen, mit denen die Leute kommen, nie daran gedacht. Die setzen einfach alles mit allem in Beziehung.

tip Jetzt bietet sich eine selbstreferenzielle Frage an, denn die ers­te Überraschung beim Sehen von „Inglourious Basterds“ ist, dass die erste Referenz nicht zu Zweiter-Weltkriegs-Filmen geht, sondern zu …
Tarantino … Western.

tip … Western. Ein Song aus „The Alamo“, und dann sieht man einen Bauern auf einem Baumstumpf herumhacken. Ihren einzigen langen Artikel für eine Filmzeitschrift haben Sie 1993 über Monte Hellman und seinen Wes­tern „Ride in the Whirlwind“ geschrieben, ein Film, aus dem dieser Baumstumpf stammt.
Tarantino In diesem Fall, wenn es um diesen Baumstumpf geht, haben Sie definitiv recht. Ich habe die Idee aus „Ride In the Whirlwind“, die Metapher. Ich mochte das Tableau und auch die Idee, dass man nicht sagen kann, ob er sich seit Tagen oder seit Jahren daran abarbeitet. Ich fand die Idee des isolierten Familiennukleus inspirierend. Und es erlaubte mir, das Westernmotiv zu evozieren. Eine interessante Sache: In der ersten Drehwoche haben wir alle Außenaufnahmen gedreht, und mein Skript-Su­per­visor, der seit „Reservoir Dogs“ mit mir zusammenarbeitet, sagte mir: „Quentin, was wir da drehen, ist irre. Das ist dein erster Wes­tern.“ Nun entferne ich mich von der Westernidee nach den ersten beiden Kapiteln …

tip … um dann mit der kriegsbemalten Shosanna, Ihrer unerschrockenen Filmheldin, noch einmal darauf zurückzukommen.
Tarantino Die Indianeridee habe ich nie aufgegeben, das ist wahr.  Aber meine Ursprungsidee war: ein Spaghettiwestern mit Zweiter-Welt­kriegs-Ikonografie.

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 18/09 auf den Seiten 36-39.

Interview: Robert Weixlbaumer

Foto: Jens Berger 

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