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Interview mit Quentin Tarantino

Interview mit Quentin Tarantino

tip Mr. Tarantino, Sie haben bereits im Vorfeld von „The Hateful 8“ zu Protokoll gegeben, dass dies Ihr bislang politischster Film ist. Das müssen Sie erklären, immerhin sprechen hier von einem Western…
Quentin Tarantino?Aber es ist eben nicht irgendein Western. Er spielt direkt nach dem Sezessionskrieg, die Spaltung zwischen Nord- und Südstaaten war auch nach Kriegsende noch fest in den Köpfen und anderswo verankert. Das spiegelt ganz gut den Zustand unseres Landes heute wieder, denn auch heute geht eine Kluft durch unser Land. Wenn Sie so wollen, ist der Film also eine Metapher auf die Gegenwart.

tip Warum dann nicht gleich einen Film über das heutige Amerika drehen?
Quentin Tarantino Das wäre zu einfach, oder? Wir Filmemacher bedienen uns nun einmal verschiedener Genres – und die können sich durchaus auch mal überschneiden. Ein Freund nannte „The Hateful 8“ neulich meinen ersten post-apokalyptischen Film. Das hat mir gefallen. Nur dass wir eben nicht wie bei „Mad Max“ in der australischen Wüste sind, sondern in der winterlichen Einöde Amerikas mit ihren brutalen Kälte. Die Apokalypse ist überstanden, aber die Gesellschaft, wie die Figuren dieser Geschichte sie gekannt haben, liegt in Trümmern, wofür sie sich alle gegenseitig die Schuld geben. Und in diesem speziellen Fall war diese Apokalypse eben der Bürgerkrieg.

tip Ein Thema des Films ist ohne Frage Rassismus. In Ihrem Film ist die Rede davon, wie viel noch passieren muss, bis nach dem Bürgerkrieg tatsächlich gleiche Rechte in Reichweite sind.
Quentin Tarantino Auch heute liegt bei diesem Thema noch ein langer Weg vor uns. Doch wir sollten es auch nicht übertreiben. Das Leben eines Schwarzen war im 19. Jahrhundert sicherlich noch sehr viel weniger wert als heute. Wobei ich aber auch sagen würde, dass es in letzten 20 Jahren wieder etliche Rückschläge zu vermelden gab, gerade, was den institutionellen Rassismus angeht.

tip Wägen Sie selbst ab, wie viel Gewalt Sie in Ihren Filmen zeigen und wo Sie auch mal Grenzen ziehen?
Quentin Tarantino Ich denke nicht darüber nach, wie viel Gewalt ein Film verträgt oder nicht, wenn Sie das meinen. Dass das zwecklos ist, habe ich schon bei meinem allerersten Drehbuch gemerkt. „True Romance“ habe ich damals eigentlich als romantische Komödie verstanden, aber schon der Film war am Ende so brutal wie alles, was ich dann später folgen ließ. Mir geht es einfach immer um die Geschichte. Und wenn die nach Gewalt schreit, dann zeige ich auch Gewalt.

tip Aber schon dass Sie entsprechende Geschichten erzählen wollen, kommt doch sicher nicht von ungefähr, oder?
Quentin Tarantino Natürlich nicht. Wahrscheinlich hilft ein Blick darauf, welche Ära mich als junger Mann geprägt hat. Das waren die 80er-Jahre, also die repressivste Phase, die das amerikanische Kino seit den Fünfzigern erlebt hat. Jeder verdammte Film musste ein Happy-End haben! In Romanen konnte dagegen schon damals alles passieren; man musste auf jeder Seite mit dem Schlimmsten rechnen. Seit meinen ersten Filmen war ich getrieben von der Idee, mir die gleichen Freiheiten nehmen zu können, die den Schriftstellern zur Verfügung stand. Und ich glaube, das ist mir tatsächlich gelungen!

tip „The Hateful 8“ wäre um ein Haar nicht entstanden. Ihr ursprüngliches Drehbuch fand irgendwie den Weg ins Internet, danach wollten Sie das Projekt eigentlich sein lassen. Was brachte Sie zum Umdenken?
Quentin Tarantino Dass wir eine Live-Lesung des Skripts organisierten, hat auf jeden Fall geholfen, meine Meinung zu ändern. Ich war ja wirklich stinksauer als das Drehbuch ins Netz gelangte, vor allem, weil das zu einem Zeitpunkt in der Filmvorbereitung passierte, der für mich nicht ungünstiger hätte sein können. Doch als ich danach diese Live-Lesung vorbereitete, realisierte ich, wie viel Potenzial die Sache doch noch hatte.  

tip Anders als die meisten Ihrer Kollegen weigern Sie sich hartnäckig, auf die digitale Arbeit umzusteigen, und drehen noch immer auf Film. Frustriert es Sie nicht, dass ein Großteil der Zuschauer sich Ihre Werke trotzdem auf Laptops und Handys ansehen wird?
Quentin Tarantino Wissen Sie was? Ich glaube ja mittlerweile, dass bei diesem Thema gerne mal ein wenig übertrieben wird. Zumindest was die Handys angeht. Klar gucken sich die Kids darauf mal YouTube-Videos an. Aber ganze Filme?

tip Sie wissen, was ich meine…“
Quentin Tarantino Ja, na klar. Ich kann nur sagen: Ich selbst hasse es, einen Film auf meinem Laptop zu gucken. Ich habe das ein paar Mal versucht, aber ich kann es einfach nicht. Dabei bin ich eigentlich gar nicht dogmatisch. Viele der größten Film-Meisterwerke der Welt habe ich im Fernsehen gesehen, sogar mit Werbeunterbrechungen. Und auch im Flugzeug kann ich mir auf den kleinen Bildschirmen problemlos Filme angucken. Aber nichts geht über das Kino und die große Leinwand. Deswegen setze ich alles daran, meine Arbeiten so kinotauglich wie möglich zu gestalten. Und dazu gehört eben auch das Drehen auf Film.

Interview: Patrick Heidmann

Foto: Gage Skidmore CC BY-SA 3.0

Lesen Sie auch die tip-Rezension zu „The Hateful 8“

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