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Interview mit Todd Haynes

Interview mit Todd Haynes

Todd Haynes wurde 1961 in Los Angeles geboren, er studierte Kunst und Semiotik. Fürr den Film „Superstar: The Karen Carpenter Story“ (1987) stellte er die Lebensgeschichte der Sängerin mit Barbie-Puppen nach, zu seinen bekanntesten Filmen gehören das Melodram „Far From Heaven“ (2002) und die experimentelle Bob-Dylan-„Biografie“ „I’m Not There“ (2007).

tip Mr. Haynes, mit „Carol“ haben Sie einen Roman von Patricia Highsmith adaptiert, „The Price of Salt“, einen Klassiker der lesbischen Emanzipation. Sie kannten das Buch vermutlich seit vielen Jahren?
Todd Haynes?Ich wünschte, das träfe zu, aber ich war ein Ignorant. Meine lesbischen Freundinnen hielten es kaum für möglich, dass ich „The Price of Salt“ noch nicht gelesen hatte, als das Projekt an mich herangetragen wurde. Das war im Mai 2013, alles war schon arrangiert, mit Cate Blanchett im Zentrum der ganzen Sache, denn sie war damals schon mit dem Projekt verbunden. Dann las ich das Buch und sah natürlich dabei schon überall Cate. Zugleich las ich das Drehbuch von Phyllis Nagy und hatte den fertigen Film schon fast vor dem geistigen Auge.

tip Es ist eine relativ werknahe Adaption. Viel wurde nicht verändert, abgesehen davon, dass Therese nun ein Interesse für Fotografie hat und das zu ihrem Beruf machen möchte.
Todd Haynes Das stand so im Drehbuch. Und Richard, der junge Mann, der sich Hoffnungen auf Therese macht, war ein angehender Maler. Thereses Welt hatte im Buch stärkere Verbindungen zur Kunstszene; sie lebte nicht im Village, aber sie fand einen Job in einem Off-Broadway-Theater. Diese Boheme-Aspekte hat Phyllis weggelassen, und ich fand das sehr plausibel, denn dadurch ist Therese auf das, was sie dann erlebt, weniger vorbereitet. Die emotionale Erfahrung wird grundlegender. Der Roman beschäftigt sich ja, abgesehen von der Liebe zwischen Frauen,  auf eine sehr prinzipielle Weise mit dem Phänomen der Attraktion und der Verliebens. Es geht um eine Pathologie der Liebe, darum, wie sehr sie einen aus der Welt herauswirft.

tip Therese ist einerseits ein unbeschriebenes Blatt, sie weiß nicht einmal, was sie zu einem Frühstück bestellen möchte. Sie gewinnt aber allmählich an Initiative. Wie passte Rooney Mara zu dieser Figur?
Todd Haynes Ich kannte fast alle ihre Filme, ich mochte vor allem ihr Selbstvertrauen, aber dieses Projekt war sicher in vielerlei Hinsicht Neuland für sie. Rooney ist fähig, die Veränderungen an Therese sehr wahrhaftig zu vermitteln, sie macht eine Evolution in winzigen Veränderungen vor unseren Augen sichtbar, und sie zeigt, wie Therese allmählich lernt, Nein zu sagen. Wir sagen so oft Ja, lassen mit uns machen, aber irgendwann entwickeln wir Schutzmechanismen.

tip Der Roman musste in den frühen 50er-Jahren noch Grenzen des Erlaubten berücksichtigen. Der Film tut dies auch, wobei ich mich gefragt habe, was Sie bewogen hat, die Liebesszene doch deutlich spät anzusetzen. Oder gibt es davor etwas Unausgesprochenes?
Todd Haynes Man geht davon aus, dass sie davor nicht Sex hatten. Der Film achtet auf jede kleine Berührung, auf jede Geste, wir lesen Zeichen, die nicht absolut eindeutig sind, und so geht es ja auch Menschen, die sich verlieben. Wir lesen diese Zeichen auch, allerdings mit den Konventionen der Zeit. Wir achten darauf, ob sie zwei Zimmer nehmen oder getrennte Betten. Zwei Frauen, die damals gemeinsam in ein Hotelzimmer eincheckten, waren interessanter Weise viel alltäglicher und akzeptabler, als ein heterosexueller Mann mit einer Frau, mit der er nicht verheiratet war. Zwischen Frauen war damals eine Menge denkbar, es durfte nur nicht zum Äußersten kommen. Richard, der Therese liebt, sieht sehr genau, dass da etwas vor sich geht. Aber er gesteht nur bis zu einem gewissen Grad zu, dass so ein „crush“, wie er das nennt, größere Bedeutung haben könnte.

tip Es ist auch sehr stark ein Film über amerikanische Mythologie. Motels, Diners, Autos, dazwischen zwei Frauen, die da nicht ganz selbstverständlich hinpassen – in ein Roadmovie dieser Zeit.
Todd Haynes Bei der amerikanischen Mythologie kommt es fast auf jedes Jahr an. An 1952 hat mich überrascht, wie krisenhaft sich das Jahr anfühlt. Alle hassten Truman, das Wettrüsten mit der Sowjetunion nahm Tempo auf, die Angst vor einem Krieg war allgegenwärtig, all das ergab Energie für Demagogie, wie sie sich im McCarthy-Phänomen manifestierte. Es herrschte eine echte Panik, kaum etwas ist von dem Glanz zu sehen, den wir für die 50er-Jahre eigentlich im Auge habe und den ich in „Far from Heaven“ gezeigt haben. Die Oberflächen in „Carol“ erzählen eine andere Geschichte, eine von Stress.

tip In einigen markanten Szenen mit Cate Blanchett gewann ich den Eindruck, sie spiele weit über die Psychologie hinaus. Sie bekommt etwas Zeichenhaftes.
Todd Haynes Das entwickelt sich aus den Proben heraus. Wir hatten einen sehr eng getakteten Plan, weil nicht sehr viel Geld da war, aber zwei Wochen Proben gehören dazu, da sitzen und lesen wir, und reden über die Figuren. Rooney und Cate haben immer wieder Zeilen gestrichen, sie schlugen vor, alles Offensichtliche wegzulassen. Weniger Worte, da waren wir uns alle einig. Die Kostüme sind natürlich wichtig. Was macht das Korsett unter den Kleidern, wie fühlen sie die Stöckelschuhe an? Das verändert die Bewegungen, schränkt die möglichen Gesten ein. Beide Frauen trugen Perücken. Am Ende ist Therese ein anderer Typ, sie ist in der Ära von Jean Simmons oder Audrey Hepburn angekommen.

tip Die beiden Frauen emanzipieren sich auch voneinander, sind dann erst richtig bereit, zu lieben.
Todd Haynes Cate musste spielen, dass sie ein Objekt des Begehrens ist und doch eine reale Person. Das ist nicht das gleiche. Die Kamera sieht sie als Objekt des Begehrens, häufig ist die Kamera in der gleichen Position wie Therese. Cate weiß, dass sie ein Bild einer Frau ist – und nicht einfach eine Frau. Sie muss sich entziehen, sie begriff das, wir sprachen viel über die Verlagerung der Perspektive von Therese auf Cate. Sie spielt ja eine ältere Frau. Es ist nicht häufig der Fall, dass eine ältere Frau so begehrlich angeblickt wird.

tip Ihr nächstes Projekt wird sich einer Musikerin widmen: Peggy Lee.
Todd Haynes Das möchte ich machen, aber derzeit ist es in der Reihenfolge ein wenig nach hinten gerutscht. „Peggy Lee“ ist ein Projekt mit Reese Witherspoon, wir haben ein tolles Drehbuch. Vorher drehe ich aber „Wonderstruck“, eine Geschichte, die auf einer Graphic Novel von Brian Selznick beruht. Von ihm stammt auch „Hugo“, den Martin Scorsese verfilmt hat. Zu „Wonderstruck“ haben wir schon ein Drehbuch und ein Team für Januar in New York. Es soll ein Film für ein jüngeres Publikum werden, getragen von drei 12-Jährigen. Es geht um New York in den Jahren 1927 und 1977, also ein halbes Jahrhundert dazwischen. Das wird wieder ein tolles historisches Projekt.

Interview: Bert Rebhandl

Foto: David Shankbone

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