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Interview mit Werner Herzog – Teil 2

tip Warum?
Herzog Weil du hier seit der Katrina-Kata­strophe von Verfall um­geben bist. Und ich meine nicht nur die äußere Zerstörung, sondern auch den sozialen Zusam­menbruch. An einer Straßenkreuzung, wo wir drehten, wurden zum Beispiel in der Nacht darauf zwei Leute erschossen. Wir waren von einer Stimmung der Gefahr umgeben, die sich auch auf den Film übertragen hat. Diese dunkle Seite Amerikas finde ich viel faszinierender als Disneyland.

tip Sie leben ja seit 1995 in den Staaten. Was mögen Sie an dem Land?
Herzog Ich bin hier glücklich verheiratet. Los Angeles ist ein Ort mit sehr viel Substanz. Sie dürfen sich vom Glamour und Glitter Hollywoods nicht irreführen lassen. Aber in meinem Herzen bleibe ich immer noch Bayer. Und ich würde auch nie die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen. Bei einem Land, in dem es die Todesstrafe gibt, lehne ich so etwas grundsätzlich ab.

tip Haben Sie beim „Lieutenant“-Dreh effektiv etwas Gefährliches erlebt?
Herzog Nein, das Spektakulärste war, wie sich ein Leguan in meinen Daumen verbissen hat. Den hatte ich selbst mit einer ganz kleinen Linse aus nächster Nähe gefilmt. Das sorgte nur für allgemeines Gelächter. Und eine Zeit lang machte ich mir Sorgen, dass Nicolas
Cage bei den Aufnahmen echtes Kokain schnupft. Er tat das mit einer solchen Überzeugungskraft, dass ich mir dachte: Mein Gott, das muss ich stoppen. Aber dann hat man mich darauf hingewiesen, dass das nur täuschend echtes Pulver ist.

tip War es angenehmer, als mit Klaus Kinski zu drehen?
Herzog Wir sollten Kinski langsam in Ruhe lassen. Möge seine Seele ihren Frieden finden. Aber ich gebe zu, dass Kinski schon eine Seuche war – und sehr, sehr gefährlich. Und gleichzeitig einer der begabtesten Menschen, mit denen ich je gearbeitet habe. Doch ich habe gelernt, mit schwierigen Personen und Situationen umzugehen. Das Filmemachen ist ein sehr fragiler Prozess – ob die Finanzierung auseinanderfällt, sich ein Schauspieler einen fünf Worte langen Satz nicht merken kann oder ob du von einem Gewitter überrascht wirst. Aber egal, was über mich hereinbricht, ich finde sofort eine Lösung. Das liebe ich auch, es ist Teil meines Berufs. Ich habe meine ersten 40 Filme praktisch ohne Geld gedreht, da lernst du so etwas.

tip Und Sie werden dessen auch nie müde?
Herzog Das kann ich mir nicht vorstellen. Allein im Zeitraum 2008 bis 2009 habe ich drei Filme gedreht und eine Oper inszeniert. Jetzt entwickle ich eine Sache in Jordanien und
Syrien und ein Dokumentationsprojekt in Frankreich. Außerdem drängeln sich noch vier, fünf Spielfilmprojekte. Die sind wie Einbrecher. Ich finde sie um vier Uhr früh in meiner Küche. Und die einzige Frage ist: Wie kriege ich sie bloß raus?

Interview: Rüdiger Sturm

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