Kino & Stream

Interview mit Werner Herzog

NIcolas_Cage_und_Eva_Mendestip In einer Folge der amerikanischen TV-Serie „Entourage“ gibt es eine Parodie von Ihnen – Stellan Skarsgеrd spielt darin einen verrückten deutschen Regisseur, der ständig seine Meinung ändert. Kennen Sie die?
Werner Herzog Also, erstens bin ich nicht verrückt. Die Leute halten mich für diesen besessenen Filmemacher, aber ich habe sehr viel Humor – und den entdeckt man zum Glück langsam auch. Außerdem bin ich kein Regisseur, der ständig alles umschmeißt. Ich arbeite sehr konzentriert und organisiert. Es gibt bei meinen Drehs keine hektischen Momente. Normalerweise sind wir schon am Nachmittag fertig – ohne Überstunden. Ich habe noch nie mein Budget überzogen. Bei „Bad Lieutenant“ blieb ich 2,6 Millionen Dollar unter Plan, was in Hollywood unerhört ist. Der Produzent möchte mich jetzt sogar heiraten.

tip In einem Artikel im „New Yorker“ werden Mitglieder einer Ihrer Filmcrews zitiert, die Ihre Methoden für amateurhaft hielten.
Herzog Ich kenne den Artikel – aber der Journalist schilderte nur die ersten Drehtage von „Rescue Dawn“. Da lief es am Anfang nicht besonders organisiert ab, weil wir eine Crew aus Hollywood mit thailändischen Mitarbeitern aufeinander abstimmen mussten. Das ist einfach nur ein Eindruck von den ersten wilden Momenten. Letztlich wurde ich drei Tage früher fertig als geplant. Ich drehe immer nur, was ich wirklich brauche, und die amerikanischen Crews sind da immer ganz verblüfft. In „Bad Lieutenant“ gibt es eine Bettszene, die ich aus einer einzigen Perspektive gedreht habe. Das Team meinte: „Brauchen Sie keine Nahaufnahme?“ Und ich sagte: „Nein, wir gehen ja am Schluss schon sehr nahe dran.“ – „Brauchen Sie keinen Gegenschuss?“ – „Nein.“ Nicolas Cage sagte bloß: „Endlich ein Regisseur, der weiß, was er will.“

tip Das heißt, Sie haben den Film schon vorher im Kopf?
Herzog Überhaupt nicht. Ich komme völlig unvorbereitet zu meinen Drehmotiven. Ich würde nie Storyboards machen. Das ist ein Instrument für Feiglinge. Bevor wir drehen, entwickle ich die Szenen zusammen mit den Schauspielern, suche mir die Kamerapositionen aus. Dann treffe ich ein paar sehr schnelle Entscheidungen und schicke die Schauspieler fürs Make-up weg. Danach proben wir sehr intensiv und filmen. Wobei ich manchmal auch auf die Proben verzichte, denn so bekommst du die überraschendsten Momente. Das kann auch mal in die Hose gehen, und du musst von vorne anfangen. Aber das nehme ich in Kauf.

tip Wie kamen Sie eigentlich auf den Gedanken, ein Remake von Abel Ferraras „Bad Lieutenant“ zu drehen?
Herzog Es war nicht meine Idee, sondern die von Produzent Ed Pressman, der die Rechte auf den Titel hatte und daraus eine Art Franchise machen wollte. Ich kenne den Originalfilm gar nicht, ich habe auch nichts von Abel Fer­rara gesehen. Offen gestanden wusste ich nicht einmal, wer das ist. Ich habe gehört, dass er über meinen Film nicht glücklich ist. Aber ich werde einfach mal eine Flasche Whis­key mit ihm trinken gehen, und dann schauen wir uns unsere Filme an.

Werner_Herzogtip Aber warum ausgerechnet diesen Film? Ist es so leicht, Sie von einem Projekt zu überzeugen?
Herzog Überhaupt nicht. Ich habe vier Jahrzehnte lang alle möglichen Projekte abgelehnt. Einschließlich des Angebots von Richard Gere, bei jedem seiner Filme Regie zu führen. Er wollte sogar, dass ich „Pretty Woman“ mache. Da lachen Sie, aber es ist wahr. Dass ich „Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen“ gemacht habt, hat in gewissem Sinne mit meinem Autohändler zu tun.

tip Ihrem Autohändler?
Herzog Ich wollte ein Auto für meine Frau lea­sen, und der Verkäufer meinte, aufgrund meiner schlechten Kreditwürdigkeit müsse ich den höchstmöglichen Preis dafür bezahlen. Ich meinte: „Wie kann das sein? Ich habe nie meine Kreditkarte benutzt oder einer Bank Geld geschuldet.“ Aber genau das war das Problem. Wenn du in Amerika nichts auf Kredit kaufst und deine Karten nicht überziehst, wirst du dafür vom System bestraft. Mir wurde klar: Dieses System muss zusam­menbrechen. Deshalb habe ich sofort meine Ersparnisse aus einem Investmentpaket zurückgezogen – das war unmittelbar vor der Finanzkrise. Ich habe gespürt, dass eine Atmosphäre des Verfalls in der Luft liegt. Und daher war es an der Zeit, einen Film noir wie „Bad Lieutenant“ zu drehen. Denn die Schwarze Serie ging ja gerade aus einer Zeit des Zusammenbruchs hervor. Ursprünglich sollte der Film ja in New York entstehen, aber in New Orleans gab es diese großartigen Steuervergünstigungen. Deshalb wollten die Produzenten dorthin ausweichen. Ich sagte: „Besser geht’s nicht.“

weiter | 1 | 2 |

Mehr über Cookies erfahren